An der Zechenmauer Scharnhorst

Mauer! Das Wort hat Potential;
auf sie, an ihr läßt sich reimen,
und Gesichte mit Geschichte
in ein Stück zusammenleimen.

Die Mauer ist Gemeinschaftswerk,
unten Bruchstein, oben Ziegel.
Nun läuft’s auf Riegel hin, aber:
Mauern schützen, das macht Sinn.

Preußenadel.Kreuzer.Scharnhorst.
Tadel droht vom Archivar,
weil der General in Uniform
und Nadelstreifen Bürger war.

Irrlicht. Wir sehen Jerome,
Brüderlein von Napoleon,
den Franzosen, als König Lustik,
in Westfalen auf dem Thron.

Herr der vielen Tausend Kotten,
Haustyp fast schon ausgestorben.
Später haben Hohenzollern
die ganze Gegend hier erworben.

Laßt uns von Idylle träumen:
Bauer, Großmutter, Mutter, Kind,
nach der Feldarbeit im Haus,
mit Schwein und Ochs versammelt sind.

Darüber fliegen Zeit und Wolken,
Frühling, Winter bleiben gleich.
Aber Phantasie und Wissen
öffnen uns ein neues Reich.

Bäume reisten um die Welt
vom Äquator in den Norden,
sind, vom Gebirge bedrückt,
in der Tiefe Stein geworden.

Form vergeht, der Stoff hat Dauer.
Was ist, kam frei, Dank dem Big-Bang.
Schwarze Bäume schlafen eng,
zu ihnen steigt der Kohlenhauer.

Träumen geben wir uns hin,
Kohle wirf  in den Kamin .
Sauren Schweißes in der Grube
heizt der Bergmann unsere Stube.

Guter Wuchs, Millionen Jahre.
Schon verpufft der ganze Schmutz.
Tanz vorüber , kommt die Reue,
nennt sich moralisch Umweltschutz.

Wer macht den Plan, wer führt ihn aus?
Zuerst das Wort, oder die Tat?
Beide gehen Hand in Hand,
oft fehlt Handlung guter Rat.

Auch jetzt blühen die Gewächse,
Weißdorn vor dem Eichenhain.
Aus der Mauer, auf die Lauer
zur Sonne huscht die Eidechse.

Fremde Vögel in alten Nestern
singen hier ein neues Lied.
Ergriffen sind von stillen Kräften
wir alle , ohne Unterschied.

Die Möhre und die Bohne keimt,
Kohl wächst trocken unter Tropfen.
Paare werden, wie sie wollen,
sich, Skat, Socken, stopfen , klopfen.

Unter Tage : Unterbau.
Über Tage: Überschau.
Maulwürfe, Zwerge am Vulkan,
zum Himmel setzen Leitern an.

Überwunden tiefe Schwärze,
eigentlich das Sinnbild von Nichts.
Schätze der Sonne hochgebracht,
Ernte eingefangenen Lichts.

Kampf und Dampf, Kraft, Kohle , Strom.
Jeder Mensch  multipliziert,
zur Gemeinsamkeit überzeugt,
hat große Taten ausgeführt.

Karbon, gute Ewigkeit.
Wir aber lieben den Augenblick,
fühlen Reize, gehorchen Bildern,
haschen nach jedem Stück vom Glück.

Handfestes muß her, ein Ding,
das von Funken Feuer fängt,
das etwas gibt, was man erst sieht,
wenn lichterloh es brennt und glüht.

Ein Ding mit Eigenschaft begabt,
die man erweckt und weiterreicht,
in Öfen steckt und dort verschließt,
sodaß es Erz und Stein erweicht.

Ding als Futter von Maschinen,
daß sie laufen und uns dienen,
nehmen, schaukeln und versetzen,
wie im Flug, zu anderen Plätzen.

Das Ding ist der Veränderer,
Urbild von gespeicherter Kraft,
Mark und Saft aus Riesenhalmen,
Vorrat für’s Leben angeschafft.

Die Sonne zieht den Stoff zu sich
in’s Gewölbe grüner Kronen,
wo Vögel lernen auszufliegen,
mit  Sturm und Regen wohnen.

Wesen wuchsen, schufen , starben;
Kronen , Hallen, Türme fielen.
Ernst sei das Leben, Theaterbühne,
wo wir eine Zeit lang spielen.

Pilger, was lehrt diese Mauer,
daß vergangene Größe wärmt?
Daß wir nicht mutlos sind,
irrend, zweifelnd und verhärmt.

Das Land wird kein Museum werden,
Menschen nicht ausgestopft und stumm.
Wer vorgekaute Speisen frißt,
selbst zu beißen bald vergißt.

Taten dürfen wir verehren,
auf die Knie innerlich sinken,
und um Trübsinn aufzumuntern,
einen schwarzen Kaffee trinken.

Zweifellos hat der Letzte Recht.
König ist der Pförtner im Haus,
knipst er, nun das Fest zuende,
als Realist die Lampen aus.

Städte dürsten nach Steuern,
Arbeit gibt uns Käufern Kraft.
Das verfluchte Kapital
ist des Fleißes Antriebssaft.

Das Grab der Bäume geplündert,
wohin Schächte abgeteuft.
Die durchlöcherte Erde
sich jetzt mit Sole besäuft.

Das Kind stand an Brunnen, Höhlen,
ob es das Ende der Tiefe sieht,
wieviel von alten Geschichten,
wo nichts scheint, jetzt noch geschieht.

Der Schacht als Sehenswürdigkeit:
Schauer fühlen, nur nicht fallen,
wir ahnten Lichter in der Tiefe,
lauschten, ob da Worte schallen.

Erinnern und vorwärts schauen,
wovon neue Kraft  erhalten ?
Wer sucht hat Glück; es wird modern,
das Kleinste, Atome zu spalten.

Atome sind Sternenasche,
Dinge aus älterer Zeit,
halten wie in einer Flasche
Energie für Geschickte bereit.

Diese Kunst erregt den Neid
einer rückständigen Gruppe,
die spuckt, von Märchen ganz verwirrt,
den Geschickten in die Suppe.

Ihr sollt leben von Sonne und Wind,
keineswegs mehr vom Feuer.
Da Windsonnenstrom zu teuer ist,
erhöht der Staat die Steuer.

Die Steuern bekommen Windmüller,
Sammler von Sonnenstrahlen.
Für hoffnungslose Technologie
müssen wir reichlich bezahlen.

Sie lieben den Energiesatz nicht,
nicht von Haben und Soll die Bilanz.
Am liebsten sähen die uns regieren,
wir verlernten das Rechnen ganz.

Es scheint Politiker täten alles,
das Bildungsniveau zu senken,
um die Schüler desto leichter
mit amtlichen Phrasen zu lenken.

Prometheus löscht die Flamme aus
und verordnet uns Idylle.
In den Bäumen der Allee
lebt weiter ein uralter Wille.

Der klopft in uns als rasches Herz,
jagt mit nach Freuden und Leiden.
Daß wir im Lauf die Welt verändern,
nur Tote können’s  vermeiden.

Klaus-Heinz Maull (27.6.2004)