Bedeutende Niedersachsen Lebensbilder / Heft 1

Walter Görlitz, Scharnhorst

Herausgegeben von der Niedersächsischen Landeszentrale für Heimatdienst, Hannover 1955


Titelbild des Heftes (nach einem Gemälde von P.E.Gebauer)



Dieses Heft ist nicht mehr erhältlich, ggf antiquarisch. Eine Neuauflage gibt es nicht, da die Nachfolgeorganisation, die Niedersächsische Landeszentrale für politische Bildung Ende 2004 aufgelöst wurde. Es wurde uns im August 2004 die Erlaubnis erteilt, den Text nachzudrucken. Eine gedruckte Fassung wird im März 2005 erscheinen.

Auch wenn der Text 50 Jahre alt ist - er erschien vermutlich zum 200. Geburtstag von Scharnhorst - ist er in seiner Kompaktheit ein guter Einstieg in das Leben des Gerhard von Scharnhorst.

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D.Gröning-Niehaus, 8.2.2005


I N H A L T S V E R Z E I C H N I S

Heimat und Jugend  (7)

In hannoverschem Dienst  (12)

In der preußischen Armee vor 1806 (19)

Die große Reform  (28)

Quellen  (48)

Bildanhang



 

Heimat und Jugend


EINE LEICHTE BRISE liegt über dem Steinhuder Meer und treibt das Segelboot von Steinhude gemächlich der Inselfeste Wilhelmstein zu, die einst die Militärschule des Grafen Wilhelm von Schaumburg-Lippe barg, deren berühmtester Zögling Scharnhorst war. Noch ragt die alte Zitadelle in unsere Zeit, stehen auf den Bastionen unter den alten Holzdächern die Festungsgeschütze, liegen die Kanonenkugeln sorgsam zu Hauf geschichtet. Restaurants und Erfrischungshallen, der Strom der Besucher, der in reiselustiger Zeit über das kleine Eiland hinwegflutet, machen es demjenigen, der hier den Geist der Geschichte beschwören möchte, nicht einfach. Erst in den Innenräumen des Forts, das noch heute den Fürsten von Schaumburg-Lippe gehört, die hier das Werk ihres großen Vorfahren hüten, weht noch der Atem der Vergangenheit, legen noch manche Erinnerungen an die Zeit der Militärschule Zeugnis ab von dem Geist, der einst auf dem Wilhelmstein waltete.

Wie stets erweist sich dagegen das Land, der alte Besitz der Scharnhorst in Bordenau im hannoverschen Kreis Neustadt weit lebendiger in der Bewahrung der historischen Überlieferung. In Bordenau steht noch das Gutshaus der mütterlichen Familie, der Tegtmeyers, das trotz mancherlei Umbauten im Inneren äußerlich unverändert geblieben ist. Scharnhorst selbst wird der Bau des Oberstockes zugeschrieben. Als er geboren wurde, war das Haus noch ebenerdig. Hier bewahren die heutigen Besitzer beziehungsweise der Pächter, der das Gut bewirtschaftet, noch einen alten Kinderstuhl, in dem einst Scharnhorst als Kind bei Tisch gesessen hat. Im Garten mit den altmodisch gestutzten Hecken steht eine Sonnenuhr, die Scharnhorst selbst verfertigt hat. Und auf dem kleinen Familienfriedhof hinter dem Haus und den Gemüsegärten schlafen unter hohen Bäumen Scharnhorsts früh verstorbene Gattin und manche Mitglieder oder Nachfahren und Anverwandte der Familie seines Bruders Friedrich, der den Hof als Pächter betreute, ihren letzten Schlaf.

Nach der landläufigen Überlieferung ist Scharnhorst in diesem behäbigen, an niedersächsische Bauernhäuser gemahnenden Bau geboren worden. Im Dorfe hält sich jedoch hartnäckig eine andere Überlieferung. Scharnhorsts
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Großvater von mütterlicher Seite, Johann David Tegtmeyer, der den als adeliges Freigut geltenden Ritterhof in Bordenau besaß, sah den Liebesbund zwischen seiner Tochter Wilhelmine und dem von weit ärmeren Brinksitzern, Kleinbauern in Bordenau stammenden Quartiermeister im 8. hannoverschen Kavallerieregiment Ernst Scharnhorst nicht gern. Das erste Kind aus dieser Verbindung, eine Tochter Wilhelmine, kam noch vor der Eheschließung zur Welt. Und so nimmt man an, daß der Schwiegervater keineswegs dem jungen Paar sogleich das eigene Haus einräumte, sondern daß sie zunächst auf dem Scharnhorstschen Hofe lebten, in einem Bauernhause, das später durch eine Feuersbrunst zerstört wurde. Heute breitet sich ein Obstgarten auf dieser Stätte aus.

Eindeutig entscheiden läßt sich dieser Lokalstreit vermutlich niemals mehr. Aber er deutet auf die harte und armselige Jugendzeit des Reformators des preußisch-deutschen Heeres hin, er zeigt die manchmal harte Vorstellungswelt der niedersächsischen Bauernfamilien, aus denen er stammte. Generationen hindurch hatten Scharnhorsts in Bordenau gelebt. Der Großvater, nach dem der Enkel auf den Namen Gerhard getauft wurde, war Brinksitzer, Kleinbauer im Dorf gewesen. Der Vater, Ernst Scharnhorst (1723-1782), dem es nach langem, erbittertem Erbschaftsstreit mit den Tegtmeyers gelang, den Freihof als Familiengut zu sichern, war eigentlich als erster in die Welt hinausgegangen, indem er Quartiermeister, d. h. Wachtmeister, in der kurfürstlich hannoverschen Reiterei geworden war. Er galt für einen ernsten und strebsamen Mann, dem im Alter dank eigener Tüchtigkeit ein bescheidener Wohlstand eignete. Von seinem Bruder wird erzählt, er habe die Fische für die kurfürstliche Hoftafel in Hannover geliefert. Nichts verrät jedoch eigentlich die überragende soldatische, politische und schriftstellerische Begabung, die später den ältesten Sohn auszeichnete. Unter den sechs Geschwistern- von denen zwei schon als kleine Kinder starben, begegnet kein außergewöhnliches Talent, obwohl zwei Brüder -für die Zeit eine ungewöhnliche Erscheinung -gleich dem ältesten Sohn Offiziere wurden. Der jüngste überlebende Bruder, Heinrich, fiel als großherzoglich hessischer Major und Bataillonskommandeur im Leibregiment auf der Seite des großen Korsen tödlich verwundet 1809 in der Schlacht bei Wagram.

In der Jugend konnte der junge Gerhard Johann David Scharnhorst, der ein Jahr vor dem Siebenjährigen Krieg am 12. November 1755 in Bordenau das Licht der Welt erblickte, nicht einmal eine geordnete Schulbildung erhalten. Über die Unzulänglichkeit des dörflichen Schul-

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meisters hat er später noch manches Mal geklagt. Für die Zeit, in der er aufwuchs, war es, wie gesagt, auch sehr ungewöhnlich, daß ein Bauernsohn Offizier wurde. In Hannover, dessen Kurfürsten seit dem Beginn des Jahrhunderts die englische Königskrone trugen, waren die ständischen Unterschiede noch strenger als im benachbarten Preußen. Der heimische Adel, der die Statthalterschaft für den in London weilenden Kurfürst-König in den Händen hielt, führte in engen Standesgrenzen das Regiment. Unter der Adelsherrschaft behauptete sich freilich zäh ein freies Bauerntum, von dem immer wieder Kräfte in den Adel und in das aufstrebende Bürgertum hinüberflossen, ein Erbe, dem gerade ein Mann. wie Scharnhorst viel von seiner unerschütterlichen Beharrlichkeit verdankte. Und im hannoverschen Bürgertum, in der kurfürstlichen Beamtenschaft, wirkte das Beispiel des fernen England mit seiner kon- stitutionellen Monarchie belebend auf die Entwicklung eines neuen Staatsgefühls. Der Reichsfreiherr vom Stein, Preußens politischer Reformator, wie auch Scharnhorst selbst, standen in jungen Jahren stark unter dem Einfluß eines Studienfreundes von Stein, des Sekretärs der Hannoverschen Staatskanzlei August Wilhelm Rehberg, dessen Vorbild der große englische Staatsdenker und Historiker Edmund Burke war, einer der Vorkämpfer der historisch-organischen Entwicklung in England.

Bestimmend für Scharnhorsts Lebensgang wurde jedoch in den ersten Jahrzehnten eine ganz anders geartete Schule der Aufklärung, der Wilhelmstein im Steinhuder Meer, jene merkwürdige Festungsinsel mit Schloß und Zitadelle, die der Graf Wilhelm von Schaumburg-Lippe in den Jahren 1761-65 erbauen ließ. Zu Scharnhorsts Zeiten bestand die Inselfeste noch aus einer Hauptaufschüttung mit 16 kleinen, geometrisch geordneten, vorgelagerten Inselchen, die Offiziers- und Mannschaftsunterkünfte für die Besatzung trugen.

Der Graf Wilhelm von Schaumburg-Lippe (1724-1777) gehörte zu jenen ganz dem Geist des aufgeklärten Absolutismus verhafteten deutschen Kleinfürsten, deren überragende Begabung und Tatkraft in stetem Widerstreit mit den geringen Betätigungsmöglichkeiten in ihren eigenen kleinen Territorien lagen. Solche Naturen drängten zwangsläufig immer wieder hinaus in die große Welt. Sie haben im 18. Jahrhundert der abendländischen Welt bis nach Rußland hinein zahlreiche bedeutende Feldherrn oder Staatsdiener oder gar die Fürsten gestellt. Graf Wilhelm, der anfangs mit dem eigenen kleinen Kontingent an der Seite Friedrichs des Großen und England-Hannovers im Siebenjährigen Krieg gegen die

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französischen Armeen auf dem westlichen Kriegstheater gefochten hatte, hatte darauf aIs Feldmarschall und Oberkommandierender im Bund mit England gegen Frankreich und Spanien die portugiesische Armee reorganisiert und hatte sich auf der Iberischen Halbinsel im Krieg gegen das mit Frankreich verbündete Spanien höchsten Ruhm erworben. Portugal bewahrt bis heute dem größten Feldherrn, den die portugiesische Armee je besessen, ein dankbares Andenken.

Um die umwälzenden Ideen, die dieser ungewöhnliche Mann, der zu früh für seine Zeit geboren wurde, über die Neugestaltung der Kriegführung und der Landesverteidigung hegte, der Nachwelt zu vermitteln, rief Graf Wilhelm auf dem Wilhelmstein zunächst eine " Theoretische Artillerieschule" ins Leben. Er galt nicht zu Unrecht für einen der größten artilleristischen Fachleute des 18. Jahrhunderts, während in den Armeen Europas die zumeist adeligen Offiziere noch mit einiger Verachtung auf diese technische Waffe herabblickten. Die Artillerie war diejenige Waffengattung, in der man noch, vor allem in Preußen, am ehesten bürgerliche Offiziere duldete, eben weil sie für zweitrangig an- gesehen wurde.

Mit 16 Jahren trat Scharnhorst in die unweit von Bordenau gelegene Schule als Zögling ein. Im Lippeschen Hofkalender ist er damals als einer jener "Stückjunker" verzeichnet, die auf der "Ecole Militaire" des Grafen Unterricht in der Mathematik, der Kriegs- und Zivilbaukunst, fremden Sprachen, Geschichte und den Militärwissenschaften erhielten. Vieles von den Gedanken, die der Graf von Schaumburg-Lippe, seiner Zeit weit vorauseilend, vertrat, findet sich später bei Scharnhorst wieder.Hier stieß er zum ersten Mal auf die These, daß man künftig die gesamte Militärverfassung der deutschen Länder nach dem Prinzip der allgemeinen Wehrpflicht organisieren müsse. In seinem Hauptwerk, dem "Neuen System der defensiven Kriegskunst", entwickelte Graf Wilhelm, der einen der ersten großen Vertreter der deutschen Aufklärung, Johann Gottfried Herder, als Hofprediger nach Bückeburg berief, den Gedanken, daß künftig nur noch Verteidigungskriege sittlich gerechtfertigt seien, und gab darin ferner der Hoffnung Ausdruck, daß dem Menschengeschlecht mit fortschreitender Zivilisierung einmal die Zeit beschieden sei, in der die Kriege als schrecklichstes Mittel menschlicher Auseinandersetzung gänzlich überflüssig werden könnten. Solchen Ideen, dem Krieg moralische und politische Grenzen zu setzen, sollte schließlich einmal Scharnhorsts berühmtester Schüler, Carl v. Clausewitz, in seiner Philosophie des Krieges gültigen und für alle Zeiten klassischen Ausdruck

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leihen. Scharnhorst hat Zeit seines Lebens in dem Grafen von Schaumburg-Lippe seinen geistigen Vater erblickt. In einem seiner frühesten militärwissenschaftlichen Aufsätze setzte er der Militäranstalt auf dem Wilhelmstein ein Denkmal, um dergestalt seinen großen Lehrmeister zu würdigen.

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In hannoverschem Dienst


ALS DER GRAF von Schaumburg-Lippe 1777 ohne direkte Erben starb, wurde die Militärschule nicht fortgeführt. Der junge Scharnhorst sah sich mit 22 Jahren ohne Beschäftigung. Er fühlte sich ebensosehr zum Soldaten wie zum Lehrer und Erzieher berufen. Aber konnte der Sohn eines Bauern und ehemaligen Wachtmeisters damals auf eine sonderliche Laufbahn hoffen ? Der Vater hatte sich freilich inzwischen als Besitzer des Ritterhofes in Bordenau eine geachtete Stellung erworben, und dieser Umstand mochte mit dazu beitragen, daß der Chef des Regiments seines Vaters, der General v. Estorff, den jungen, wissenschaftlich gebildeten Mann als Fähnrich und Lehrer an der Militärschule anstellte, die er für die Offiziere und Offiziersanwärter seines Regiments in Northeim begründet hatte. 1783 wurde Scharnhorst als Fähnrich zur Artillerie versetzt und kam als Lehrer an die Allgemeine Militärschule in Hannover. Bestrebungen, die von Haus aus meist dürftige Bildung der Offiziere in Militärschulen zu bessern, finden sich damals im Zeitalter der Aufklärung in vielen deutschen Armeen, durchaus nicht nur in Preußen. Das ändert nichts daran, daß die alten, aus geworbenen, oft landfremden Söldnern bestehenden Armeen höchst rückschrittliche Gebilde blieben,Bollwerke des herkömmlichen absolutistischen Systems. Und dies galt gerade für die hannoversche Armee, deren Regimenter damals für England Gibraltar verteidigten und in Indien gegen die Franzosen fochten, während die Scharlachröcke der Kgl. Britischen Armee mit ihrer steifen Lineartaktik schon im Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg Bekanntschaft mit einer ganz neuen revolutionären Kriegsform machten und im Kampf mit den amerikanischen Volksmilizen schwere Niederlagen erlitten.

In die frühe hannoversche Zeit Scharnhorsts fällt der erste Versuch, eine militärwissenschaftliche Zeitschrift, die sogenannte "Militär-Bibliothek" herauszugeben. Der beste Freund dieser Jahre war ein junger, vielseitig begabter Offizier aus altem hannoverschem Adel, Johann Friedrich v. d. Decken, der später in den Grafenstand erhoben und hannoverscher Generalfeldzeugmeister und kgl. englischer Generalleutnant wurde. Im

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allgemeinen freilich begegneten die adeligen Offiziere dem "Emporkömmling" mit Zurückhaltung, zumal dieser mehr wußte und konnte als die meisten von ihnen, als Militärerzieher dagegen eine wenig geachtete Stellung einnahm. Aber es ist bezeichnend für Scharnhorsts Neigungen und Lebensgang, daß ihn schon damals die gelehrte Arbeit und die Tätigkeit als Erzieher stärker in den Bann schlugen als der übliche Truppendienst. Der schlanke, fast hagere junge Offizier, der immer ein wenig vornübergeneigt einherschlenderte, statt sich straff offiziersmäßig zu halten, machte auf der Wachtparade entschieden keine gute Figur, und von der gebräuchlichen strengen Behandlung der Mannschaft, bei der noch der Stock regierte, hielt er auch nicht viel. Aber in ihm glühte doch das Feuer einer hohen Berufung, lebte doch der Ehrgeiz des Soldaten, einmal selbst eine Armee ins Feuer führen zu können. Auf einer Studienreise durch Thüringen und Böhmen sah er damals die berühmten Schlachtfelder des Siebenjährigen Krieges, auf denen Friedrich der Große seine Siege erfochten, jener König, der noch immer, schon fast zur Legende geworden, in Potsdam seine ruhmreichen Regimenter exerzierte. Dem jungen Scharnhorst schien freilich schon nicht mehr alles an seiner Führung tadelfrei. Er getraute sich bereits, die Sonde der Kritik an die friderizianischen Methoden zu legen, die der Zeit noch fast als Heiligtum galten.

So gern schwächliche Zeitalter dem Soldaten diese Rolle zu bestreiten suchen, ist der geborene Offizier doch immer auch ein geborener Erzieher seines Volkes. Und hier lag zweifelsohne einer der am stärksten ausgeprägten Wesenszüge Scharnhorsts. Durch seine militärwissenschaftlichen Arbeiten, seine Zeitschrift, die er in "Militär-Journal" umbenannt hatte, durch die Herausgabe eines Handbuches der Kriegswissenschaften für Offiziere wurde er über die Grenzen Hannovers hinaus bekannt. Aber das Dasein blieb mühevoll genug. Er war nun Titularleutnant geworden, noch immer ohne Truppenkommando, ausschließlich als Offizierslehrer und MilitärschriftsteIler beschäftigt. Obwohl seine materielle Lage keineswegs befriedigend war, verheiratete er sich 1785 mit der Tochter eines Beamten der Kurfürstlichen Kriegskanzlei, Klara Schmalz, deren Bruder, Theodor Schmalz, später einer der berühmtesten preußischen Staatsrechtslehrer und der erste Rektor der neuen Universität Berlin werden sollte -ein Zeichen, wie das benachbarte Preußen große Begabungen anzog.

Die Hochzeit wurde in Bordenau gefeiert, dessen Bewirtschaftung Scharnhorst zu dieser Zeit noch selbst Aufmerksamkeit schenkte. Über der Ehe

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lag die leise Schwermut, die der jungen Frau eignete. Und eine gewisse Melancholie wie eine tiefe Empfindsamkeit waren auch Scharnhorst selbst nicht fremd, wie man ja gern den Kindern der weiten Ebenen Norddeutschlands eine gewisse Schwerblütigkeit, einen Mangel an heiterer Leichtlebigkeit und Sorglosigkeit nachsagt. Klara Scharnhorst, die in Bordenau begraben liegt, starb früh, mit 41 Jahren, an einer Lungenentzündung in Berlin. Von den fünf Kindern starben zwei Töchter im Kindesalter. Die beiden Söhne wurden preußische Offiziere, während die überlebende Tochter Juliana in eine der berühmtesten Familien Preußens heiratete und die Gattin des nachmaligen Generalfeldmarschalls Grafen Friedrich zu Dohna-Schlobitten wurde, der in jungen Jahren Adjutant des Vaters war.

Unterdessen zog in Frankreich die große Revolution herauf, die die Geschichte Europas in neue Bahnen leiten sollte. Der König wurde beseitigt, die Adelsherrschaft verging. Es gab, vor allem drüben in Preußen, genug junge, geistig aufgeschlossene Offiziere oder Staatsbeamte, es gab auch in Hannover Männer wie Rehberg und seinen Freund Ernst Brandes, die sich anfangs vom Feueratem einer neuen Zeit menschlicher Freiheit angerührt fühlten und die Umwälzung in Frankreich als Beginn einer neuen Ära feierten. Selbst ein so stolzer Aristokrat wie Stein versprach sich zunächst von der französischen Revolution eine heilsame Wirkung auf die Neugestaltung der Verhältnisse in Preußen, dem er als hoher Staatsbeamter diente. Bei Scharnhorst war in den ersten Revolutionsjahren indes nur kühle Zurückhaltung zu spüren. Noch 1792 vertrat er in seinem "Militär- Journal" durchaus die unerschütterliche Überlegenheit der alten Heeresverfassung.

In der alteuropäischen, von den Dynastien der Habsburger, Hohenzollern, Bourbonen und Welfen und dem Adel der verschiedenen Länder beherrschten Staatenwelt hatte es nur den Krieg um begrenzte Ziele, Festungen oder einzelne Provinzen, gegeben. Die geworbenen Heere waren kostspielig und schwer zu erhalten, ihre Verpflegung beruhte auf einem System sorgfältig angelegter Magazine, die dem Operationsraum bestimmte Grenzen vorschrieben. Die landfremden Söldner band nur eine rücksichtslose Manneszucht an die Fahne, Marsch und Kampf vollzogen sich in geschlossener Formation. Die Söldner zu einer exakt mit höchster Geschwindigkeit vorrückenden und feuernden Maschinerie zusammenzuschweißen, die dünne, dreigliedrige Gefechtslinie der Infanterie, die in mehrere Treffen hintereinander gestaffelt war, vorsichtig mit Offizieren und Unteroffizieren zu säumen, galt für den Triumph der

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Taktik. Nicht die brutale Schlachtentscheidung mit blutigen Verlusten, sondern die überlegen Manövrierkunst, die Erzwingung blutsparender Erfolge rechnete als höchste Weisheit des Feldherrn.

Die Revolution in Frankreich sprengte diesen enggezogenen Rahmen. Sie entband den Bürger von den Fesseln adelig-ständischer Bevormundung, sie gab ihm politische Rechte und damit auch die Pflicht, zu den Waffen zu greifen, um die neuen Rechte gegen die Fürstenherrschaft zu verteidigen. Die französische Nationalversammlung führte die allgemeine Wehrpflicht ein und mobilisierte damit zum ersten Mal die Massen für den Krieg. Aus Amerika kam die neue Kampfform des aufgelösten Schützengefechtes. Hinter dem Schwarm der Scharfschützen, der Tirailleure, setzte die Massen-Infanterie mit wildem Ungestüm zum Sturm an. Die Nation selbst war jetzt aufgerufen, den Krieg zu führen, während es in den alten europäischen Monarchien für die höchste Staatsweisheit angesehen wurde, Wehr- und Nährstand streng getrennt zu halten und die Bürger nicht merken zu lassen, daß man Krieg führte. Anfangs war Scharnhorst noch durchaus der Meinung seines Freundes Johann Friedrich v. d. Decken, der in Scharnhorsts "Militär- Journal" schrieb, der "Enthusiasmus", von dem Frankreich ergriffen sei, sei eine Art von Fieber, eine Krankheit, die vorübergehen würde und vorübergehen müsse. Decken meinte, die Bürger würden keineswegs ihren Staat verteidigen, weil sie gar nicht wüßten, warum sie dies tun sollten. Die altpreußischen Offiziere, die in der Schule Friedrichs des Großen groß und alt geworden waren, bezogen sich ausdrücklich auf den "Pedantismus", die alte schematische Kampfweise und den traditionellen, nur durch die Ehrvorstellung des Adels begrenzten, strikten Gehorsam als bestes Mittel gegen das Fieber der Revolution.

Aber sehr bald sollte doch das französische Vorbild indirekt auch Scharnhorsts Denkweise beeinflussen, eben weil dieser als Bürgerlicher nur zu oft die Unfähigkeit des Adels zu spüren bekommen hatte und weil er viel zu klug war, um nicht zu begreifen, daß die Zeit nicht stillstand, sondern daß sich eine neue Welt aus den Flammen und dem Blutgeruch der Revolution erhob.

Die Herren jener Welt, von der Johann Friedrich v. d. Decken damals schrieb, sie stelle eine einheitliche, nach den nämlichen Prinzipien regierte Gemeinschaft dar, welche die wütenden Volkskriege vergangener urtümlicher Zeiten, die ganze Nationen verzehrt hätten, nicht mehr kenne, die Monarchen des alten Europa, der Kaiser in Wien, der König von Preußen, der König von England und die deutschen Fürsten, verbündeten

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sich, um das Revolutionsfeuer im Westen zu ersticken. 1793 stellte Hannover dem englischen König für den großen Koalitionskrieg 15 Bataillone, 8 Regimenter Reiterei und eine Abteilung Artillerie, gut die halbe Armee des Landes, zur Verfügung.

Als Artillerie-Kapitän rückte auch Scharnhorst in der Begleitung des Generals Frhr. v. d. Bussche ins Feld auf den Kriegsschauplatz im fernen Flandern. Im Mai des Jahres 1793 erlebte er in dem Gefecht bei Famars in Belgien die Feuertaufe, sah zum ersten Mal die unter wildem Geschrei heranstürmenden Haufen französischen Fußvolks in ihren blauen, zerlumpten Röcken, mit den federbebuschten Zweispitzhüten und den zerfransten, einstmals weißen Hosen, die den steif und kerzengerade in die Schlacht marschierenden, prachtvoll scharlachrot und weiß uniformierten Hannoveranern und Engländern eine schwere Schlappe beibrachten.

Das war etwas Neues. Noch nie hatte Scharnhorst so deutlich wie in diesem Feldzug gespürt, daß er weiter und tiefer sah als die meisten seiner hochmütigen adeligen Vorgesetzten, die mit Verachtung von den "dreckigen Sansculotten" sprachen und doch die schwere Niederlage der hannoveranischen Truppen bei Hondschoot im Herbst nicht zu hindern vermochten. Man fechte für Aristokraten und werde von Aristokraten zurückgesetzt, schrieb der Bauernsohn damals bitter. Unter anderen Fahnen und anderem Himmel wäre er vielleicht zum Camot einer deutschen Revolution geworden. Lazare Camot, der Advokat, der die französischen Volksarmeen des Sieges organisierte, hatte ähnlich wie Scharnhorst einst als Offizier bei den technischen Waffen, als verachteter Bürger, begonnen. Vielleicht aber verhinderte auch das bedachtsame Temperament, das ihm die bäuerlichen Ahnen mitgegeben, bei Scharnhorst eine solche Rolle.

Bei Hondschoot deckte er den Rückzug, indem er geschickt und mit großer Kaltblütigkeit das eigene Artilleriefeuer dirigierte. Daraufhin beförderte man ihn zum Chef einer Reitenden Batterie. Die Pause der Winterquartiere nutzte er zu neuen militärwissenschaftlichen Studien. Im "Militär- Journal" beschrieb er die neue Kriegsform. Mit seinem Scharfsinn erkannte er den Vernichtungscharakter des neuen Krieges mit seinem brutalen Masseneinsatz. Wolle man den Gegner tödlich treffen, müsse man ihn anfallen, wo man ihm begegne, und bis nach Paris marschieren- stellte er fest. Solche weiträumige Operation aber widersprach durchaus dem Prinzip der dynastischen stehenden Heere, die an ihr Magazinsystem gebunden waren.

Im Frühjahr 1794 sah er sich mit einem Detachment hannoverscher Feld-

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artillerie unter dem Befehl des Generalmajors v. Hammerstein in der belgischen Festung Menin (fläm. Meenen) eingeschlossen. Die Besatzung bestand aus drei schwachen hannoverschen Bataillonen und einem Bataillon "Loyal-Emigrants", antirevolutionärer französischer Freiwilliger. Hammerstein war ein Mann ohne schädliche Vorurteile. Er bediente sich der Ratschläge, die ihm der hochgebildete bürgerliche Artillerieoffizier gab. Scharnhorst wurde sein stillschweigend anerkannter Stabschef. Als die .Festung gegen die rund 20000 Mann starken, weit überlegenen Belagerer nicht mehr zu halten war, entschloß sich Hammerstein, durch Scharnhorst bestärkt, zum Ausbruch aus der Festung. Eine Kapitulation hätte vor allem für das Emigranten-Bataillon, zumeist ehemalige königstreue französische Offiziere, den sicheren Tod bedeutet. In der Nacht vom 30. April 1794 leitete Scharnhorst unter Hammersteins Befehl den berühmt gewordener Ausbruch aus Menin, jene Waffentat, die seinen Ruhm begründete.

Die in Belgien befehligenden verbündeten österreichischen Generale, voran der Oberkommandierende, der Feldzeugmeister Graf Karl Joseph Clerfait, und der Kaiser selbst zollten Hammerstein das höchste Lob, weil er seinem König-Kurfürsten und der Koalition ein Truppenkorps gerettet hatte. Doch Hammerstein war ehrlich genug, sich selbst wie der Öffentlichkeit zu gestehen, daß er ohne seinen Berater Hauptmann Scharnhorst den Ausbruch nicht erfolgreich bewältigt haben würde. Er empfahl ihn zur Beförderung und Auszeichnung.

Im Sommer 1794 wurde Scharnhorst als Major in den hannoverschen Generalquartiermeisterstab versetzt. Darunter verstand man damals den Generalstab. Nur war dies Korps zu jener Zeit noch nicht mehr als ein technisches Büro des Oberfeldherrn; das sich mit der Erstellung brauchbarer Kriegskarten, der Anlage und Ausarbeitung von Marschdispositionen und der Vorbereitung von Feldbefestigungen sowie der Geländeerkundung befaßte. Unleugbar hatte er indes damit Karriere gemacht. Er war nun, nicht zum wenigsten dank seiner Tätigkeit als Militärschriftsteller, schon ein bekannter Mann geworden, dessen Ruf bis nach Potsdam und Berlin an den Hof des Preußenkönigs drang, wo man noch immer wähnte, man sei im Besitz der unvergleichlichsten militärischen Rezepte. Der Koalitionskrieg versandete, ohne daß es gelang, die Hydra der Revolution zu besiegen. Im Mai des Jahres 1796 wurde Scharnhorst zum Generalquartiermeister, d. h. zum Stabschef des hannoverschen Generals Grafen v. Wallmoden-Gimborn ernannt eines unehelichen Sprossen des König-Kurfürsten Georg II. von England und Hannover, der die han-

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noverschen Truppen an der mit Frankreich vereinbarten Demarkationslinie im Westen befehligte. Bei den preußischen Truppen, die gleichfalls die Grenze im Westen deckten, kommandierte damals der General v. Blücher. Scharnhorst lernte nicht nur diesen Mann kennen, dem er einmal selbst als Stabschef dienen sollte, sondern auch, vermutlich im Rehbergschen Hause in Hannover, den Schwiegersohn des Grafen v. Wallmoden- Gimbom, den Reichsfreiherrn vom Stein, derzeit Oberpräisident der westfälischen Bezirke Preußens. Eine sehr bedeutsame Bekanntschaft, denn Stein wie sein hannoverscher Freundeskreis, die gelehrten, aufgeklärten Beamten der Kurfürstlichen Staatskanzlei, Rehberg und Brandes, standen ganz im Bann der verfassungsrechtlichen Lehren Montesquieus und Edmund Burkes, die auf die Schaffung einer rechtsstaatlichen konstitutionellen Monarchie nach englischem Vorbild abzielten. Hier walteten nicht ungesund-revolutionäre, sondern ehrenfest und langsam fortschreitende konservative Grundsätze, wie sie dem Naturell Scharnhorsts weit mehr entsprachen als der wilde Fanatismus Camots und der Jakobiner in Frankreich. Stein vor allem trug sich schon damals mit dem Gedanken, auf der Basis altständischer Vertretung, wie sie in Westfalen noch fortbestand, den Umbau der absoluten preußischen Monarchie in einen Verfassungsstaat zu vollziehen.

Scharnhorst war Soldat und begriff die umwälzende Entwicklung zunächst ganz von der Wandlung der Kriegsform her. Heeresverfassung und Kriegsformen aber sind stets nur Ausdrucksbilder politischer Wandlungen. Er erkannte untrüglich, daß sich die neuen gelockerten Gefechtsformen, der Einsatz des ganzen Volkes für den Existenzkampf, unmöglich mit der alten, schroff absolutistischen Ordnung, mit den alten stehenden Armeen aus geworbenen Söldnern vereinbaren ließen, die den Korporalstock mehr fürchten sollten als das feindliche Kanonen- und Musketenfeuer. Und er fand in Hannover allzuviel Neid und Dünkel, allzuviel überlebten Hochmut und allzuviel ratlose Zerfahrenheit, daß ihm nicht klar wurde, daß hier ein Zeitalter zum Sterben ging. Weil er an das Erwachen der deutschen Nation glaubte, stellte er auch mit Besorgnis fest, wie der alten Ordnung eigentlich jede echte Liebe zum eigenen Volk mangelte. Aus dem Hannoveraner wurde langsam der deutsche Patriot, als der er in die Geschichte eingehen sollte.

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In der preußischen Armee vor 1806


IN DIE JAHRE zwischen 1796 und 1800 fallen die ersten Versuche hoher preußischer Offiziere, den begabten hannoverschen Offizier für den Dienst unter den Hohenzollern zu gewinnen. Vor Blücher hatte der alte Herzog Karl von Braunschweig die preußischen Truppen an der Demarkationslinie befehligt. Sein Stabschef, der Generalquartiermeister-Leutnant Karl Ludwig v. Le Coq rechnete zu denjenigen nicht wenigen, geistvollen jüngeren Offizieren in Preußen, die eine Reform der Armee Friedrichs des Großen im Zeitalter der Revolution für unumgänglich hielten. Er kannte Scharnhorsts Schriften und bot ihm mehrfach an, er wolle sich für ihn in Berlin verwenden. Scharnhorst zögerte lange. Die Heimat war ihm lieb und wert, und wenn er auch manchen Neider hatte, so wußte er dennoch nicht, was ihn als "Ausländer" in Berlin erwartete. Die preußische Generalität dachte anders als die jungen Feuerköpfe, die von Reformen träumten.

Erst im Oktober des Jahres 1800 entschloß sich Scharnhorst, den großen Schritt zu wagen und in die berühmteste Armee Europas überzutreten- Mit dem Schreiben an Le Coq, mit dem er diesem seinen Entschluß mitteilte, richtete er ein Gesuch an den König Friedrich Wilhelm III. von Preußen, in dem er um die Verleihung einer Stabsoffiziersstelle -er war damals hannoverscher Oberstleutnant -und um die Erhebung in den Adelsstand bat. Diese ungewöhnliche Bitte war wohl darauf zurückzuführen, daß er erkannt hatte, wie der untitulierte Offizier ohne Stand und Rang überall zurückgesetzt wurde, wie dieser es schwerer als adelige Kameraden hatte, seine Fähigkeiten zu bewähren.

Der König von Preußen gewährte großzügig beide Bitten, man hatte, ihm genug Rühmenswertes von dem Kur-Hannoveraner erzählt. Mit Patent vom 14. Juni 1800 erhielt Scharnhorst bereits die Ernennung zum Oberstleutnant im 3. preußischen Artillerie-Regiment. Am 19. Mai des folgenden Jahres 1801 schied er für immer aus dem hannoverschen Dienst.

Es sollte einmal dem Scharnhorst kongenialen, zweiten großen Wahlpreußen, dem aus dänischem Dienst übergetretenen Leutnant Helmuth

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v. Moltke widerfahren, daß sein späterer königlicher Gönner, der Prinz Wilhelm, meinte, "der Däne sei keine gute Acquisition". Ähnlich vermeinten die preußischen Generale, die noch unter den Sternen des größten Hohenzollern, des Königs Friedrich II. gedient, und die jungen Leutnants von der Garde in Potsdam, die die alten guten märkischen Namen trugen und die Exerzierkünste der Wachtparade für unüberwindlich hielten, daß der "Landfremde" nicht eben eine Bereicherung für die Armee des Königs von Preußen sei. Was war Hannover, was war England, das dahinterstand, gegen Preußen ?

Der Oberstleutnant, von dem man sich erzählte, sein Vater sei Kavalleriewachtmeister und ein Bauernsohn, und dem des Königs Majestät -unverständlich für die Marwitz, Winterfeld, Itzenplitz und Köckritz, die Edlen der Streusandbüchse des Reiches, der Kurmark Brandenburg -auch noch den erblichen Adel verlieh, wirkte nicht wie ein Offizier und schon garnicht wie ein preußischer Edelmann. Er erschien, noch immer nachlässig in Haltung und Gang und ein wenig verträumten Wesens, wie ein "Federfuchser", ein Stubengelehrter, der die Kriegswissenschaft und nicht das Kriegshandwerk betrieb. Wer die Totenmaske betrachtet, die immer vor der Hoheit des Todes das innerste Wesen eines Menschen entschleiert, diese großartige Maske, die im Verlöschen noch hinter den geschlossenen Augen untet der hohen, schön und kraftvoll gewölbten Stirn etwas von der Güte und Weisheit ahnen läßt, die den Lebenden beseelte, der hat in diesem Antlitz mit der scharf vorspringenden, wohl profilierten Nase, dem schmallippigen, breiten Mund und dem festen charaktervollen Kinn einen Bauernsohn niedersächsischer Erde vor sich, dem der Boden der Heimat und die Verknüpfung des Landmannes mit der Gottesnatur einen eigenen ernsten Adel und eine tiefe Erfahrung verliehen hatten, die ihn turmhoch über den klügelnden, flinken, beweglichen Geist des Stadtbewohners stellte.

Zu jenen Männem, die seinen Eintritt in die preußische Armee wärmstens begrüßten, rechneten neben dem König, der ebenso einsichtig und wohlmeinend wie entschlußscheu und seelisch gehemmt war, die Generale v. Blücher und v. Rüchel, der eine so aufgeschlossen für alles Neue wie der zweite überzeugt war, die Arrmee Friedrichs des Großen sei allen Feinden der Hohenzollern turmhoch überlegen. Ernst Philipp v. Rüchel, der Sohn eines niemals sehr wohlhabenden pommerschen Landadelsgeschlechtes, der noch als Leutnant in den letzten Jahren des großen Königs Dienst in dessen unmittelbarer Umgebung getan und der, als Scharnhorst in die preußische Armee eintrat, Kommandeur des Regi-

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ments Garde und Inspekteur der Potsdamer Infanterieregimenter war, zählte unter jene Verfechter des Alten, die gleichwohl überzeugt waren, daß man die gefstige Schulung des Offizierkorps verbessern müsse. Neben Rüchel rechnete der junge, genialische Prinz Louis Ferdinand von Preußen den man den "preußischen Alkibiades" nannte, zu den überzeugtesten Anhängern Scharnhorsts.

Die preußische Armee jener Tage -das ist die landläufige Vorstellung- war auf den Siegeslorbeeren Friedrichs des Großen eingeschlafen. Die weitaus überwiegende Zahl der Oberoffiziere, die alten Generale und Generalfeldmarschälle, glaubte nicht, daß man dem neuen französischen Kriegswesen, dem neuen Gott des Krieges, Napoleon, dessen Ruhm seit den Siegen über die Österreicher in Italien bei Arcole und Marengo strahlend gleich einem Stern aufgegangen war, sonderliche Achtung schuldig sei. General v. Rüchel pflegte zu sagen: "Generale wie den Herrn Buonaparte hat die preußische Armee mehrere."

Unter der glänzenden, trügerischen Oberfläche aber regten sich auch in Preußen neue Kräfte. Das altpreußische Staats- und Heeressystem beruhte auf zwei Einrichtungen, der Gutsherrschaft des kleinen Adels auf dem Land mit soziaJen Sorgepflichten für die erbuntertänigen, bäuerlichen Hintersassen, der Pflicht, dem Staat, d. h. dem König, als Offizier oder Beamter zu dienen und der gutsherrlichen Polizeigewalt und Gerichtsbarkeit über die Landbewohner -, und dem stehenden Heer, das sich teils mit Hilfe der Kantonseinteilung aus Bauernsöhnen, teils aus angeworbenen Ausländern ergänzte. Wie der adelige Offizier dem König den Eid schwor und für das Vorrecht, den Rock des Offiziers zu tragen oder als Landrat oder Kreisstand für die Erhaltung der Ordnung auf dem Lande zu sorgen, die Oberaufsicht des Herrschers bis in Familien- oder Geschäftsgebarung und Wirtschaftsführung hinnahm, so mußte der erbuntertänige Bauer dem Gutsherrn den Untertaneneid schwören und die noch aus rein naturalwirtschaftlicher Zeit stammenden Hand- und Spanndienste leisten. Der König konnte beide Stände, den Junker wie den Bauern, als Rückgrat der Sozial-, wie der Wirtschafts- und der Heeresverfassung nicht entbehren, weshalb die preußischen Könige bestrebt waren, auch dem Bauern Schutz gegen adelige Übergriffe angedeihen zu lassen.

Nicht die aus Frankreich herüberdringenden Ideen der Aufklärung und der Menschenrechte, nicht das neue französische Kriegswesen, das preußische Militärschriftsteller und Kritiker, Heinrich v. Berenhorst und Dietrich Heinrich v. Bülow, schon stark beschäftigte und manchen jüngeren

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Offizier veranlaßte, sich mit dem Problem einer Heeresreform zu befassen, legte die erste Bresche in dies System, sondern die landwirtschaftliche Entwicklung nach dem Siebenjährigen Krieg, die Agrarkonjunktur, die den Erschütterungen des Krieges und der finanziellen Gesundung der Gutslandwirtschaft mit Staatshilfe folgte. Die hohen Getreidepreise, neue fortschrittliche Methoden des Landbaues und der Viehzucht, brachten den Gütermarkt in Bewegung, veranlaßten den Landadel vielfach zu spekulativem Güterhandel, brachten trotz aller Verbote des Erwerbs von Rittergütern durch Bürgerliche eine neue Besitzerschicht aufs Land und erschütterten damit zutiefst die alten patriarchalischen Bindungen zwischen Herrschaft und bäuerlichen Hintersassen. Die herkömmlichen Bindungen lösten sich auf. Von West- und Ostpreußen ausgehend, verbreitete sich auch im preußischen Adel eine Bewegung, die Bauern freizulassen und zu freier Arbeit in der Landwirtschaft überzugehen. Der König selbst gewährte den Domänenbauern die persönliche Freiheit.

Friedrich Wilhelm III. wie die Mehrzahl der höchsten Beamten waren überzeugt, daß die Errungenschaften der französischen Revolution nicht ohne Rückwirkung auf die veraltete preußische Staats- und Heeresverfassung bleiben konnten. Nur fand sich noch nicht der überragende Geist, der die geeigneten Wege für eine Reform wies. Die meisten hohen Beamten zögerten, weil sie fürchteten, jegliche Veränderung in den bestehenden Verhältnissen könne in gewaltsamen Umsturzversuchen münden. Schlesien, wo die sozialen Verhältnisse besonders ungünstig waren, erlebte damals eine Folge von Agrarunruhen, die den Einsatz von Militär notwendig machten.

Es war nur natürlich, daß die Wahlpreußen, Männer wie Scharnhorst, der damals in Schlesien als Kompaniechef in einem Füsilierbataillon dienende Hauptmann v. Gneisenau aus fränkisch-österreichischem Geschlecht oder der Reichsfreiherr vom Stein, der 1804 preußischer Finanzminister wurde, die Verhältnisse schärfer beurteilten als die auf dem Lande groß gewordenen Altpreußen. So kamen von ihnen schließlich die stärksten reformerischen Impulse, sieht man von dem früh unter Kants Einfluß sich abzeichnenden Kreis ostpreußischer Reformer ab.

Scharnhorsts Ruf gründete sich auf seine militärwissenschaftliche Lehrtätigkeit, und hierfür fand er mehr Ansätze in Preußen, als er angenommen hatte. Die militärische Erziehung beschäftigte viele Gemüter. Der spätere Chef des Militär-Erziehungswesens, Generalmajor Christoph v. Diericke, gab seit 1792 sein "Archiv für Aufklärung über das Soldatenwesen" heraus, der nachmalige Feldmarschall v. dem Knesebeck beschäf-

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tigte sich mit der Idee der allgemeinen Wehrpflicht, Gedankengänge, die auch einem jungen, an den Vorlesungen Kants geschulten Infanterieleutnant namens Hermann v. Boyen in Ostpreußen nicht fremd waren.

Scharnhorst wurde dem Generalleutnant Levin v. Geusau zugeteilt, seit 1796 Generalquartiermeister, d. h. Generalstabschef der preußischen Armee, einem Mann, der noch gleich Rüchel als Stabsoffizier in der engsten Umgebung Friedrichs des Großen gedient hatte. Geusau, Sohn eines badischen Landvogtes und Edelmanns aus dem Breisgau, war wieder ein Wahlpreuße. Unter seiner Oberleitung hielt im Winter ein Ingenieuroffizier, Major Müller, Schulungsvorträge für abkommandierte Offiziere aus den Provinzgarnisonen in Berlin, eine Art provisorischer Kriegsakademie verkörpernd. Diese Kurse übernahm Scharnhorst als verantwortlicher Leiter. Daneben rief er die "Militärische Gesellschaft" ins Leben, einen Bildungsverein für Offiziere. Hier fanden sich Offiziere der alten Schule wie Geusau oder Rüchel zusammen mit der neuen geistigen Elite des jüngeren Offizierkorps, dem jungen Carl v. Clausewitz, dem zum Generalquartiermeisterstab gehörenden Stabskapjtän v. Boyen oder dem Adjutanten der Berliner Infanterie-Inspektion'Karl Wilhelm v. Grolman, um nur einige Beispiele zu nennen -sämtlich Männer, die noch in der preußischen Reformzeit eine bedeutende Rolle spielen sollten. Clausewitz wurde der Philosoph des Krieges, Boyen Kriegsminister und Grolman Generalstabschef. Damit wurde Scharnhorst im Grunde schon vor der Katastrophe von 1806 zum Erzieher des künftigen preußischen Generalstabsoffizierkorps.

Was einzelne jugendlich-ketzerische Offiziere im altehrwürdigen friderizianischen Heer bislang an eigenen neuen Ideen vorgebracht hatten, die einen bewegt vom Beispiel des Amerikanischen Unabhängigkeitskrieges, die meisten beeindruckt durch die Revolutionskriege gegen Frankreich und das steil aufstrebende Feldherrngenie Napoleons, das faßte jetzt der geniale Geist Scharnhorsts zum Kern einer neuen Kriegslehre zusammen. Die Kriegsgeschichte war nicht mehr die eitle Selbstbespiegelung eigener Ruhmestaten, sondern wissenschaftlicher Lehrstoff. Friedrich der Große war nicht mehr "der Feldherr" schlechthin, sondern einer unter den großen Feldherrn der preußischen Geschichte, dessen Stern jetzt durch den Korsen verdunkelt wurde, der sich zum Tyrannen Frankreichs und Europas erhoben hatte. Napoleon hatte die umwälzenden taktischen Regeln der Revolutionsheere in ein neues System gegossen. Die Leitsätze waren: Großräumige kühne Aufmarschplanung, Verpflegung der eigenen Armee aus dem Lande,

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für den Kampf: Massierter Einsatz der Artillerie in langen Geschützlinien, Schützengefecht der Infanterie und hernach der rücksichtslose Massenangriff der Infanterie in dichter Kolonne mit dem gefällten Bajonett. Das französische Heer wurde in reguläre gemischte Großverbände aus allen drei Waffengattungen unterteilt, Infanterie, Kavallerie und Artillerie, in Divisionen und Korps, denen als Führungsmittel Generalstabsoffiziere zugeteilt wurden.

Diese neuen Errungenschaften empfahl Scharnhorst auch für Preußen. Die stehende Armee sollte durch eine Nationalmiliz ergänzt werden. Niemand wußte besser als er, daß dies im Grunde in erster Linie nicht militärische, sondern politische Forderungen waren, die einen Umbau des gesamten Staatswesens bedingten. Für die geistige Vorbereitung des Offizierkorps waren ihm als Gehilfen des Inspekteurs der Militärschulen wenigstens gewisse Möglichkeiten gegeben. Politische Einwirkungsmöglichkeiten besaß er nicht. Aber die von ihm empfohlene neue Taktik wirkte doch als ein geistiges Antriebsmittel inmitten eines Offizierkorps, dessen Mehrzahl noch am Ideal des grimmen Haudegens festhielt, der sich auf den Gebrauch der Waffe in der Hand, nicht aber auf den der Schreibfeder verstehen mußte. Und die neue Taktik war ferner die entschlossene Absage an jenen Geist stumpfsinnigen Exerzierens, der den Triumph aller Ausbildung darin erblickte, die geworbenen Söldner in eine willenlose marschierende und feuernde Masse zu verwandeln. Sie verlangte auch vom gemeinen Mann individuelles Empfinden, Ehrgeiz, Intelligenz und Begeisterung für die Sache, für die er focht.

Scharnhorst schrieb damals mehr denn je, gab ein Handbuch der Artillerie und einen Militär-Kalender heraus und trug damit wesentlich zur Verbreitung der Bildung als revolutionierendem Element im Denken des Offizierkorps bei. Nicht zufällig verlangte die gleiche Epoche auch vom Gutsherrn, daß er sich die moderne landwirtschaftliche Bildung aneignete, um wirtschaftlich weiter existieren zu können. Dieser Einbruch der Bildung in die altpreußische Adelswelt kam einer stillen Revolution gleich. Sie stieß freilich auf eine zwar geistig nicht sehr gewandte, wohl aber zahlenmäßig weit verbreitete Reaktionspartei. Zentrum dieser stillen Revolution, die in der Praxis der Sammlung einer militärisch-politischen Opposition gleichkam (obwohl aktive Opposition für den Offizier, auch für Scharnhorst selbst, undenkbar war !) war die "Militärische Gesellschaft". Neben Prinzen des Königlichen Hauses und Verfechtern des "Pedantismus" fand sich hier unter dem Deckmantel der Reaktionäre die Avantgarde der neuen Zeit zusammen.

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Scharnhorsts dienstliche Position veränderte sich, als er 1804 Generalquartiermeister-Leutnant und Chef der 3. Brigade des Generalquartiermeisterstabes wurde, die das westliche Kriegstheater bearbeitete, also einen Teil des voraussichtlichen Aufmarschbereichs, wenn es je zu einem Waffengang mit dem korsischen Eroberer kam, Organisatorisch hatte der alte preußische Generalquartiermeisterstab, dessen Geist und Wesen nicht anders als in Hannover beschaffen war, durch die Reform des Chefs der 2. Brigade, des Obersten Christian v. Massenbach, einen neuen Charakter erhalten. Massenbach, wieder gleich Scharnhorst ein Wahlpreuße aus württembergischer Familie, ein sehr geistvoller, aber auch ungeheuer eitler und allzu betriebsamer Mann, hatte die neue Gliederung in Brigaden durchgesetzt, die jede einen bestimmten möglichen Kriegsschauplatz bearbeiteten und für alle möglichen Fälle Aufmarschpläne und Operationsstudien vorbereiteten. Der dicke und phlegmatische General v. Geusau als Chef des ganzen Stabes, General v. Phull, der Chef der 1. Brigade, die für das östliche Kriegstheater zuständig war, und Massenbach glaubten freilich an die Weisheit der Vergangenheit, an die herkömmliche Lineartaktik und die Abhängigkeit der Armeen von ihren Verpflegungsmagazinen. Massenbach hatte, von geographisch-räumlichen Gegebenheiten ausgehend, ein seltsames System einer geographisch-mathematischen Kriegführung entwickelt.

Nur Scharnhorst trug in seine Brigade den neuen Geist. Freilich rief das ebensoviel Besorgnis hervor wie seine Pläne einer "Nationalmiliz". Das General-Oberkriegs-Kollegium, die höchste Stelle der Armeeverwaltung, bezeichnete alle Milizpläne, die außer Scharnhorst auch ein Mann aus altem märkischen Adel, der Major v. d. Knesebeck, vertrat, als "jakobinische" Ideen. Dem Bürger und Bauern Waffen in die Hand zu geben, hieß an den Grundfesten des Staates rütteln. Die beiden alten Generalfeldmarschälle v. Moellendorff und Graf v. Kalckreuth meinten auch, es sei nicht gut, wenn es allzuviele begabte Generalstabsoffiziere gäbe, sonst würde ein jeder Feldherr spielen wollen, und damit ginge die ganze Unterordnung zum Teufel. Das waren die gleichen Geister, die die Theorie vom Schützengefecht verächtlich das "Evangelium der Bauchkriecherei" nannten. Und der Königliche Generaladjutant v. Zastrow traf die erleuchtete Feststellung, es sei kein Glück für eine Armee, wenn jeder Stabsoffizier mit Feldmarschallstalenten begabt sei!

So blieb die neue Stabsorganisation eigentlich ohne Funktion. Diese Verhältnisse waren durchaus typisch für die Halbherzigkeit gegenüber allen Reformplänen, die im sinkenden Preußen vor 1806 herrschte. Wehrpflicht

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und Bauernbefreiung, beide untrennlich verbunden, waren die Forderungen der Zeit. Beides wurde von den besten Geistern erkannt. Und beide wurden nicht verwirklicht, weil dem König und der hohen, reformfreundlichen, aufgeklärten Beamtenschaft der Mut zur entscheidenden Tat fehlte. In dieser Verfassung ging Preußen, das sich, seit dem Jahre 1795 von der großen Gebietsbeute aus den polnischen Teilungen übersättigt, inmitten einer sich wandelnden Welt eines trügerischen Friedens erfreut hatte, in das Jahr 1805. Österreich, England, Rußland und Schweden schlossen sich damals zu einer neuerlichen großen Koalition gegen Napoleon zusammen. Preußen fand nicht den Entschluß, rechtzeitig dem Bündnis beizutreten, obwohl die Besseren unter den Ministern und den hohen Offizieren, Stein, Blücher, Rüchel und Scharnhorst, dies für unumgänglich hielten. Es machte seine Armee mobil, blieb aber Gewehr bei Fuß stehen. "Ein Staat gleicht einem Handelshause, hat er den Kredit verloren, so ist er seinem Falle nahe" hatte Scharnhorst bereits 1804 warnend in einer Denkschrift für den König geschrieben, in der er sich mit der Lage Preußens befaßt hatte -ein Zeichen, wie der Generalstabsoffizier auch politisches Verantwortungsbewußtsein empfand.

Preußen verlor den letzten Kredit, als es, nachdem die Österreicher und Russen 1805 vernichtend bei Austerlitz geschlagen worden waren, sich von Napoleon Scharnhorsts Heimat Hannover zuspielen ließ, ohne die Absicht zu erkennen, daß der Eroberer damit nur einen Keil zwischen Preußen und England treiben wollte.

Stein verfolgte als Finanzminister in zwölfter Stunde den Plan, den König zu einer Umgestaltung der Staatsverfassung und zur Ernennung eines verantwortlichen Ministeriums zu bewegen. Eine Reihe preußischer Prinzen und Generale rieten zum Präventivkrieg gegen Napoleon. Scharnhorst plante im Frühjahr 1806 mit seinen Generalstabsoffizieren Erkundungsreisen im voraussichtlichen Aufmarschgebiet in Thüringen, Westfalen und Hessen. Der alte General v. Geusau, sein Vorgesetzter, meinte dazu, bedenklich den Kopf schüttelnd, das sei viel zu kostspielig, auch könne solche Generalstabsreise den Franzosen Anlaß geben, der preußischen Politik zu mißtrauen. In gleicher Weise blieb der von Scharnhorst empfohlene, kühne, angriffsweise Aufmarschplan unbeachtet, als Preußen sich nun tatsächlich im August des Jahres genötigt sah, gegen den Korsen zu den Waffen zu greifen. Die letzten Verbündeten waren nun das bereits im Vorjahr geschlagene Rußland, das zunächst nicht in den Krieg eingreifen konnte, und einige deutsche Mittel- und Kleinstaaten, Sachsen, Hessen-Kassel und Sachsen-Weimar.

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Scharnhorst wurde als Generalquartiermeister, als Stabschef dem greisen Herzog von Braunschweig zugeteilt, der die eine der beiden preußischen Hauptarmeen in Thüringen kommandierte. Napoleons blitzschneller Aufmarsch warf alle Berechnungen der altmodischen preußischen Generalität über den Haufen. Und der Herzog von Braunschweig wußte von einem Stabschef gar keinen richtigen Gebrauch zu machen. Als im Oktober in der Doppelschlacht bei Jena und Auerstädt die Entscheidung fiel, sandte der Herzog Scharnhorst als seinen Beauftragten zu der bei Auerstädt im Feuer stehenden Division des Generals Grafen v. Schmettau und nahm ihm damit jegliche Möglichkeit, auf den Gang der Schlacht einzuwirken oder den stellvertretenden Befehl zu übernehmen, als der Herzog selbst zu Tode verwundet vom Schlachtfeld getragen wurde. Schließlich wurde Scharnhorst selbst leicht verwundet, beteiligte sich desungeachtet indes selbst am Kampf. Am Abend des düsteren Tages zog er mit dem geschlagenen Heer gen Norden.

Eine Woge von Kopflosigkeit, Kleinmut und Feigheit überflutete die preußische Monarchie. Die stärksten Festungen, ganze Truppen-Korps kapitulierten freiwillig, während das gebildete Bürgertum nicht ohne heimliche Genugtuung auf den jähen Sturz der hochfahrenden Offizierskaste blickte. Gerade darin enthüllte sich die Hohlheit des alten Systems, das sich überlebt hatte.

Auf dem Rückzug traf Scharnhorst auf das Korps des Generals v. Blücher. Dieser, der seine Begabung kannte und schätzte, behielt ihn als Stabschef bei sich. Gemeinsam mit Blücher schlug sich Scharnhorst bis zur Ostsee durch, dergestalt beträchtliche feindliche Truppenmassen bindend, indes das Gros der französischen Armee die Kernprovinzen Preußens besetzte und der Königliche Hof mit den Ministern nach Ostpreußen flüchtete, wo ein russisches Hilfskorps erschien. Der Zug Blüchers und Scharnhorsts endete, wie er enden mußte, mit der Kapitulation von Ratkau bei Lübeck. Aber er hatte wenigstens bewiesen, daß es noch Männer in Preußen gab, die die Ehre verteidigten. Und er bildete das erste Beispiel in der preußischen Heeresgeschichte für die fruchtbare Zusammenarbeit zwischen einem Oberbefehlshaber von natürlichen soldatischen Gaben und dem Mut zu eigener Verantwortung mit einem wissenschaftlich gebildeten, an formaler Schulung weit überlegenen Generalstabschef, der den Oberbefehlshaber verantwortlich beriet.

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Die große Reform


SCHARNHORST HATTE DAS GLÜCK, sehr bald, viel früher als sein Oberbefehlshaber Blücher, gegen einen französischen Obristen ausgetauscht zu werden. Er ging nach Memel, um sich dem König zur Verfügung zu stellen. Inmitten der Überflutung Preußens durch französische und rheinbündlerische Truppen war West- und Ostpreußen, wohin der Hof und die meisten Minister sich begeben hatten und wo sich noch halbwegs intakte preußische Truppen befanden, der letzte Hort preußischer Unabhängigkeit geworden. Berlin, die Mark Brandenburg und Pommern waren vom Feinde besetzt, nur die Festung Kolberg hielt sich noch. In den neupolnischen Provinzen Süd- und Südostpreußen und im Posenschen erhoben sich die Polen, die auf Napoleon als Befreier hofften. Einzig im schlesischen Gebirge behauptete der dortige Befehlshaber Oberst Graf v. Goetzen noch einige Festungen gegen den Sieger.

In Ostpreußen hatte Friedrich Wilhelm III. einstweilen den in der Schlacht bei Jena schwer verwundeten, eisenharten General v. Rüchel zum Generalgouverneur ernannt. Rüchel stand Scharnhorst freundlich gegenüber, obwohl er viele seiner Ideen nicht teilte, und er hob auch andere fortschrittliche Offiziere, deren soldatischer Fähigkeiten er sicher war, damals aus der Masse heraus. So veranlaßte er beispielsweise die Entsendung des Majors v. Gneisenau, der in seinem Stab gedient hatte, nach Kolberg, um den dortigen, zwar gutwilligen, aber zu schwachen Kommandanten zu unterstützen.

Ohne Zweifel konnte Scharnhorst mit Recht annehmen, er würde an Stelle des Generalleutnants v. Geusau, der die Geschäfte des Generalquartiermeisterstabes nach der Katastrophe abgegeben hatte, Chef dieses Stabes werden. Geusaus vorläufiger Nachfolger war jedoch der frühere Kommandant von Berlin, Generalmajor Matthias Julius v. Laurens geworden, ein ähnlich schlaffer Geist wie Geusau. Scharnhorst wurde dagegen dem Befehlshaber des preußischen Hilfskorps bei der in Ostpreußen eingerückten russischen Armee zugewiesen, dem General Anton Wilhelm v. L 'Estocq, einem 70 Jahre alten Herrn, der zwar von bestem Wollen, aber den Strapazen des Winterfeldzuges nicht mehr voll ge-
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wachsen war. Beim Stabe L'Estocqs spielten nach alter Sitte die Adjutanten die Hauptrolle als Berater. Scharnhorst wurde ihm auch nicht als Generalquartiermeister, sondern nur als "Assistent" zugeteilt. Trotzdem setzte er sich unter vielen Schwierigkeiten durch. In der Schlacht bei Preußisch-Eylau im Februar 1807 sicherte er durch seine Planung und sein Eingreifen den Siegfür das preußisch-russische Korps. Zum ersten Mal war Napoleon nicht mehr der Herr des Schlachtfeldes geblieben.

Scharnhorst erhielt für seinen berühmten Marsch in die Flanke des Gegners bei Hussehnen den Pour le Merite, die höchste Auszeichnung, welche der König zu vergeben hatte. Aber was er sich wünschte, war Einfluß auf die Umgestaltung der Armee, welche der König mit dem berühmten "Ortelsburger Publikandum" vom Dezember 1806 angekündigt hatte. Er beschwerte sich über die Tatsache, daß ihm der General v. Laurens vorgezogen worden sei, und der gewöhnlich so abweisende König gab ihm insofern nach, als er ihm Einfluß auf die Ernennung der Quartiermeisterstabsoffiziere zubilligte. Scharnhorst sorgte damals auch für die Auswechslung hervorragender gefangener Offiziere, so des Generals v. Blücher und des Obersten v. Yorck, den er gleichfalls auf dem Rückzug nach Lübeck kennengelernt hatte.

Gemeinsam mit seinem Landsmann, dem preußischen Minister Graf Karl August v. Hardenberg, der vorläufig die preußische Politik leitete, nachdem Stein sich im Januar 1807 mit dem König überworfen hatte, verhinderte Scharnhorst zunächst den Abschluß eines Sonderfriedens mit Napoleon, wie ihn der zum Außenminister ernannte Kgl. Generaladjutant v. Zastrow befürwortete. Um so schwerer traf ihn im Sommer die Kunde, daß doch alle Anstrengungen und Hoffnungen umsonst gewesen waren. Napoleon einigte sich mit dem Zaren, und Preußen allein konnte nicht daran denken, sich erfolgreich zu behaupten. Der Friede von Tilsit war hart, große Teile des preußischen Staates , blieben besetzt, und der Umstand, daß die Höhe der zu zahlenden Kriegsentschädigung einstweilen nicht festgesetzt war, bildete einen willkommenen Vorwand, die Räumung des Landes immer wieder hinauszuzögern. Im ersten Augenblick dachte Scharnhorst daran, durch Vermittlung seines Freundes v. d. Decken englische Dienste zu suchen. Kaiser Alexander I. von Rußland bot ihm den Eintritt in seine Armee an. Da stellte ihm der König von Preußen, dem er sich verschrieben, die große Aufgabe seines Lebens. Im Juli 1807 wurde er zum Generalmajor und wenige Tage darauf zum Leiter der neuen "Militär-Reorganisationskommission" des Heeres ernannt.
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Damit war unzweifelhaft der rechte Mann an die rechte Stelle gekommen. Scharnhorst vereinigte gründliche wissenschaftliche Bildung, praktische militärische Erfahrung und eine vorzügliche, sichere Kenntnis der Menschen mit echten strategischen Gaben und politischem Instinkt. Weit besser, klüger und fester als der Reichsfreiherr vom Stein, dessen poltriges Temperament und dessen unbeherrschte Aussprüche diesem selbst bei seinem großen Werke viel verdarben, wußte dieser stille Niedersachse den so gehemmten König zu behandeln. Für Friedrich Wilhelms III. Denkungsart war es freilich bezeichnend, daß er Scharnhorst in eine Kommission berief, die zunächst vorwiegend aus Vertretern des Alten und persönlichen Vertrauensleuten des Monarchen bestand- Er wollte dem "Jakobiner" und seinem Kreis der "talentierten Offiziere" nicht zuviel Spielraum zubilligen. Einstweilen hatten das entscheidende Wort in der Kommission der Generaladjutant des Königs, Graf Friedrich Karl v. Wylich u. Lottum und die beiden Flügeladjutanten Oberstleutnant v. Oppeln-Bronikowski und Major v. Borstell. Und der Feldmarschall Graf Kalkreuth stellte mit Erbitterung fest.. man habe die Führung der Kommission in die Hand eines "Unkundigen" gelegt, der nie eine Armee geführt habe.

In erbittertem Streit, vor allem mit dem zwar klugen, aber äußerst reizbaren und zornmütigen Major v. Borstell setzte Scharnhorst durch, daß Freunde aus seiner alten Geistesschule, Boyen und Grolman, oder bewährte Männer aus dem jüngsten Krieg, Graf Goetzen, der als Generalgouverneur die Verteidigung Schlesiens geleitet, und Gneisenau, der Verteidiger Kolbergs, in die Kommission berufen wurden und daß Borstell und Oppeln-Bronikowski verschwanden.

Bedeutsamer noch waren jedoch die Umgebung und die Zeitumstände, unter denen sich diese Reorganisation der "Reorganisationskommission" vollzog. Stein wurde zurückgerufen, nachdem Napoleon die Entfernung Hardenbergs verlangt hatte. Und Ostpreußen war damals weit mehr als Berlin dank der Königsberger Universität, an der Kant gelehrt, an der der Volkswirtschaftler Christian Jacob Kraus seine neue, nach englischen Vorbildern geformten, liberalen Wirtschaftstheorien vertrat, das geistige Zentrum Preußens. Ein Teil des Adels, voran der Kammerpräsident von Marienwerder, Alexander Graf zu Dohna-Schlobitten, dessen Bruder Friedrich Karl, von Scharnhorst in den Generalstab übernommen wurde und einer seiner liebsten Schüler und sein Schwiegersohn wurde, der Provinzialminister Frh. v. Schroetter-Wohnsdorff und sein Bruder, daneben eine Reihe bürgerlicher Beamter, Gelehrter oder Kaufleute ver-
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fochten hier mit Eifer die Reform Preußens. Das alte System mit der Kabinettsregierung, der geworbenen Armee und dem leeren Paradedrill hatte nicht jenen Enthusiamus zu entwickeln vermocht, den die Schule Scharnhorsts für unumgänglich gehalten hatte, um der von Napoleon gelenkten, geballten Volkskraft Frankreichs Widerstand leisten zu können. Um den Plebs ins Feuer zu führen, hätten die Offiziere es bei Jena und Auerstädt wahrlich nicht an Prügeln fehlen lassen, schrieb ein Schüler Scharnhorsts damals, der spätere General v. Valentini. Sie hatten es auch an Tapferkeit nicht fehlen lassen, aber die alten Tugenden der adeligen Kriegerkaste Preußens allein nutzten jetzt nichts mehr. Es brauchte mehr als den Appell an die patriarchalische Autorität und den Stock!

Der Grundzug jeder Heeresreform war Scharnhorst längst deutlich geworden: Die Emanzipation des einfachen Soldaten wie die Erziehung des Offiziers zum gebildeten Menschen. Das war im letzten eine politische Aufgabe, die nur zu bewältigen war, wenn die von Stein geforderte, innenpolitische Reform, die Aufhebung der Erbuntertänigkeit und die Verwandlung des Untertanen in den Staatsbürger durchgeführt wurde.

Steins Programm bestand darin, zunächst die innenpolitische Reform einschließlich der Umgestaltung des Heerwesens durchzuführen und außenpolitisch eine Erfüllungspolitik auf begrenzte Sicht zu führen, um Kräfte sammeln zu können für die Wiederauferstehung Preußens und die Auferstehung eines einigen Deutschland. Unmittelbar nachdem Stein als Leiter der preußischen Politik zurückberufen war, führte er das Oktober-Edikt durch, das den Bauern nach Ablauf einer begrenzten Übergangsfrist die persönliche Freiheit gewährte und dem Adel die Möglichkeit freier Berufswahl gab. Der Besitz von Rittergütern wurde damit gesetzlich auch dem Bürger erlaubt. Das Edikt war bereits durch die reformwillige preußische Beamtenschaft im Sommer 1807 ausgearbeitet worden, wie überhaupt diese stille Revolution in Preußen nicht eine Angelegenheit des Volkswillens oder des Freiheitsbewußtseins des zahlenmäßig schwachen Bürgertums war, sondern eine "bürokratische Revolution" von oben darstellte, die der König zögernd bewilligte. Steins zweite große Reformtat war die Schaffung der Städteordnung auf der Basis kommunaler Selbstverwaltung. Die Reform der Landgemeindeverwaltung auf gleicher Basis konnte er nicht mehr verwirklichen. Am Ende dieser Reform sollte die Schaffung einer beratenden "Nationalrepräsentation", einer Volksvertretung aus den Repräsentanten der verschiedenen Stände, stehen.
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In den Augen der reformerischen Soldaten von Scharnhorst über Gneisenau, Boyen und Grolman hieß das, daß Nation und Regierung ein enges Bündnis eingehen mußten. Bürgertum und Bauernstand mußten das Bewußtsein nationaler Eigenständigkeit gewinnen. Jener Enthusiasmus, der die französische Nation beseelte, mußte auch in Preußen geweckt werden -für den kommenden Freiheitskampf. Bürgerrecht, das Wahlrecht, und Bürgerpflicht, die Wehrpflicht, bedingten sich wechselseitig, bildeten den Urgrund jeglicher Demokratie. Für die "preußischen Staaten", wie man bislang das bunte Ländergemisch der Hohenzollernmonarchie bezeichnet hatte, bedeutete dies die Gewinnung eines preußischen Nationalstolzes, wie ihn die Philosophen, Dichter und Prediger der Zeit forderten, Fichte, Arndt und Schleiermacher. Preußischer Nationalstolz aber war gleichbedeutend für alle diese Männer mit dem. bislang schlummernden deutschen Nationalgefühl. Er sprengte eigentlich den Rahmen des feudal-absolutistischen preußischen Staatsgefühls, das sich am Monarchen, nicht am Volk orientiert hatte. Noch schloß dabei das Bedürfnis nach einem nationalen Selbstverständnis, das Scharnhorst wie Fichte oder Ernst Moritz Arndt erfüllte, jeden Übergriff gegen die Nachbarn, jegliche Haß- oder Überlegenheitsgefühle aus, zum Unterschied von dem späteren, angreiferischen, sendungsbewußten Nationalismus einer gewandelten Zeit.

Man hat besonders in unseren Tagen gern versucht, den Reformer Scharnhorst zu einem modernen Demokraten zu stempeln. Solche Begriffe treffen nicht den Kern der Dinge. Für seine Zeit war Scharnhorst wohl ein Liberaler mit umwälzenden Ideen, aber kein Revolutionär. Das Königtum war ihm unantastbar, so gern ihn seine Gegner im alten Adel oder am Hof auch einen Jakobiner schalten. Was ihm vorschwebte, war nur die Anpassung der herkömmlichen Ordnung an die Erfordernisse der Zeit.

Das Bündnis zwischen Regierung und Nation - nicht zwischen Staat und Nation, eine Formel, die Scharnhorst nie gebraucht hat, weil das Wort Staat einen anderen Sinn barg - ergab die politische Grundlage für die Heeresreform. Gegenüber dem König und seiner Gemahlin, der schönen Königin Luise, die etwa im Falle Steins stets zwischen der Bewunderung für dessen Kühnheit und der Furcht um die eigenen fürstlichen Rechte schwankte, begründete Scharnhorst die Notwendigkeit der Reform gern damit, daß die finanziellen Mittel des geschlagenen Preußen, nicht die Wiedererrichtung eines kostspieligen stehenden Heeres alter Form erlaubten, daß man daher notwendig ein Volksheer für einen " Volkskrieg"
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Formieren müsse, um alle Kräfte des eigenen Staatswesens gegen einen so mächtigen Ursurpator wie Napoleon ins Feld führen zu können.

Rief man den Bürger jetzt zum Waffendienst, mußte man ihm auch politische Mitbestimmungsrechte geben. Bislang hatte der kleine preußische Landadel, das vielgeschmähte Junkertum, ausschließlich die "Aktivbürgerschaft" der Monarchie verkörpert, jene Klasse, die den Landbesitz in den Händen hatte und den Wehrstand darstellte. Gewerbe, Handel und die gebildeten Kreise hatten außerhalb der Kriegführung und des politischen Lebens gestanden, eine Zweiteilung, die noch lange Zeit in der schier unüberwindlichen Aufspaltung der deutschen Oberschicht fortwirken sollte. Die Französische Revolution hatte den "Kampf für das Vaterland" auf ihre Fahnen geschrieben. Jetzt mußte man zum ersten Mal darangehen, auch in Preußen ein echtes Vaterlandsgefühl zu wecken.

Der große Ansatz der Reformen in der Ära Stein-Scharnhorst wurde schließlich schmählich vertan. Nicht so sehr durch den leichtlebigen großen Diplomaten Hardenberg, der - im Grunde noch ganz ein großer Herr des alten Regimes - die Reform im Sinne eines aristokratischen Liberalismus weiterführte, als durch den König. Dieser weigerte sich, dem außenpolitischen Freiheitskampf seiner zu Bürgern gewordenen Untertanen die innere Sinngebung durch den Erlaß der mehrmals versprochenen Verfassung zu geben: Die Bewegung versandete im restaurativen Ruhebedürfnis nach den napoleonischen Kriegen. Scharnhorst hat diese Zeit nicht mehr erlebt, die schließlich Männer wie Gneisenau, Boyen und Grolman in die Resignation trieb.

Gneisenau sah 1807/08 die politischen Hintergründe des ganzen Reformwerkes weit schärfer und schreckte in Stunden des Unmutes und des Grolls über den schleppenden Gang der Dinge auch vor der Idee nicht zurück, wenn es gar nicht anders ginge, den zaudernden und übervorsichtigen Monarchen zu zwingen, zu Gunsten seines edler und leidenschaftlicher denkenden Bruders Prinz Wilhelm abzudanken. Solcher Radikalismus lag dem herben Grübler Scharnhorst, der im Grunde seines Herzens ein Konservativer war, fern.

In einem Briefe an Clausewitz, seinen vertrauten Mitarbeiter, hatte Scharnhorst sich schon im November 1807 eingehend über den neuen Geist der Armee ausgelassen. Der gemeine Mann mußte ein persönliches Ehrgefühl erhalten, die alten barbarischen Körperstrafen mußten verschwinden. Die Offiziersstellung mußte künftig für jeden Bürger erreichbar sein. Sie konnte nicht mehr von Geburtsrechten abhängig gemacht

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werden, sie mußte sich auf das Vorhandensein einer Reihe von Kenntnissen gründen. Aber es brauchte ein gutes Jahr, bis der König im August des Jahres 1808 die entscheidende Verordnung erließ, daß künftig nur noch Kenntnisse und Bildung bei der Besetzung der Offiziersstellen ausschlaggebend sein sollten.

Unter den Gegnern der Reform gab es zwei Parteien. Die eine, pro-französisch und allen Waghalsigkeiten abgeneigt, erhoffte sich vom Zusammengehen mit Frankreich die Erhaltung des Friedens und damit die Behauptung der alten Formen. Die zweite, Männer wie der grimmige General v. Yorck oder der General v. Rüchel, haßte die Franzosen wie die Pest, meinte aber, gerade in der Bewahrung der alten Tugenden und der unerschütterlichen Vorherrschaft des kleinen kriegerischen Adels läge die Stärke Preußens. Endlich gab es die Schar der patriarchalisch wohlwollenden Aufgeklärten wie den Chef des Militär-Erziehungs- und Bildungswesens, Generalmajor v. Diericke, die wähnten, es genüge, wenn der Offizier einen vernünftigen aufgeklärten Sinn bezeige, um die Mannschaft zu erziehen. Wenn Diericke eine Reform von oben vorschwebte, so wollten Scharnhorst und seine Freunde die Reform von unten. Gneisenau schrieb damals seinen berühmten Aufsatz über die "Freiheit der Rücken" und wandte sich scharf gegen Behauptungen, die 1808 verkündeten neuen Kriegsartikel untergrüben die Mannszucht im Heer. Die Methoden des Militär-Strafwesens sind noch immer kennzeichnend nicht nur für den Geist der Heeresverfassung, sondern auch für die politische Verfassung einer bestimmten Zeitepoche gewesen. In diesem Zusammenhang war es von großer Bedeutung, daß Scharnhorst im höchsten militärischen Gerichts-Offizier, dem Generalauditeur v. Koenen, einen Mitstreiter fand. Nicht nur der Strafvollzug wurde reformiert, es fiel auch die herkömmliche Sondergerichtsbarkeit für den "Militärstand", unter dem man nicht nur Offiziere, Unteroffiziere und Mannschaften, sondern auch deren Frauen, Kinder, Angehörige und Dienstboten verstanden hatte.

Nur für das Militärpersonal blieb die eigene Gerichtsbarkeit bestehen. Die zweite Voraussetzung für die Weckung eines neuen Geistes im Heer war die Selbstreinigung des Offizierkorps von jenen unfähigen Elementen, die 1806 versagt hatten. Die Reorganisationskommission setzte einen Untersuchungsausschuß ein. Für die einzelnen alten Regimenter wurden Tribunale geschaffen. Rücksichtslos wurde das Prinzip wechselseitiger Anzeige eingeführt, selbst die Mannschaft durfte unbeschadet Zeugnis wider feige oder ehrlose Offiziere ablegen. Insgesamt wurden

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8 Todesurteile gefällt, davon eines noch nach dem Tod des Beschuldigten, des Generalleutnants Franz Casimir v. Kleist, der schmachvoll an der Spitze von 24000 Mann" Preußens stärkste Festung, Magdeburg, übergeben hatte. 17 Generale, 50 Stabsoffiziere und 141 Subalternoffiziere wurden schimpflich entlassen und oft für Jahre hinaus gemaßregelt. Die Untersuchungskommission verlangte beispielhaft wieder jenen Gehorsam aus freier sittlicher Entscheidung, wie er dem besseren Altpreußentum stets geeignet hatte, der nur in langen, erschlaffenden und ertötenden Jahren des friedensmäßigen Paradedrills zwischen den Kriegen Friedrichs des Großen und der Katastrophe von 1806 außer acht gekommen war.

Zur einheitlichen Schulung des neuen Offiziersnachwuchses wurden drei Kriegsschulen für Fähnriche in Königsberg, Berlin und Breslau errichtet, die 1810 unter Scharnhorsts persönlicher Leitung zur Kriegsakademie in Berlin zusammengefaßt wurden. Maßstab wurde jetzt für die Offizierslaufbahn der Erwerb wissenschaftlicher Kenntnisse in fremden Sprachen, Mathematik, Trigonometrie, Geographie und Geschichte. Damit aber die Werte des Charakters und der Tradition bei der Offiziersauswahl nicht zu kurz kamen, beließ Scharnhorst den einzelnen Offizierkorps der Regimenter die Wahl der künftigen Offiziere, die nur der König bestätigen mußte. Ebenso wandte er sich gegen übertriebene, phantastische Pläne des Ministers Graf Hardenberg 1807, der die ganze Armee in eine Miliz verwandeln wollte, bei der die Mannschaft die Unteroffiziere und diese wieder die Offiziere wählen sollten. Das erschien dem hannoverschen Wahlpreußen nicht nur unpreußisch, sondern auch dem Geist jeder regulären Armee zu widersprechen. Nur für die "Nationalreserve", deren Aufstellung er plante, Landwehrmilizen aus der breiten Bevölkerung und Jägerverbänden aus dem wohlhabenden oder gebildeten Bürgertum, sollte die Offizierswahl gelten.

Solche Pläne blieben einstweilen papierne Projekte, ebensowenig wie er dem König die Zustimmung zur Verkündung der allgemeinen Wehrpflicht abzuringen vermochte. Hier mochten für den Herrscher auch außenpolitische Rücksichten mitsprechen. 1808, das Hauptjahr der Heeresreform, war zugleich das Jahr, in dem sich die Spanier wider den Korsen erhoben. Das weckte verzweifelte phantastische Hoffnungen auch unter den preußischen Patrioten, Männer wie Gneisenau und Graf Goetzen sahen in der Organisierung eines Volkskrieges das einzige und letzte Mittel. Stein mußte unter dem Druck Napoleons sein Amt niederlegen, nachdem eine Geheimkorrespondenz aufgefangen war. Der fran-

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zösische Kaiser erzwang die strikte Begrenzung der preußischen Heeresstärke auf 42000 Mann -und damit waren vielen Planungen Scharnhorsts einstweilen Zügel angelegt.

Es blieb ihm die große staatspolitische Aufgabe, den Offizierstand zum Anführer und Erzieher der Bürger in Waffen zu erheben und ihn damit voll in Einklang zu bringen mit den geistigen Strömungen der Zeit, und es blieben heimliche Umgehungsversuche der einschränkenden Bestimmungen. Scharnhorst griff zum sogenannten "Krümpersystem", in dem bei jeder Kompanie des stehenden, sich aus Freiwilligen ergänzenden Heeres eine bestimmte Zahl kurzfristig Dienender vorhanden war, die wieder entlassen und durch neue Kurzdienende ersetzt wurden. Und es blieben die theoretischen Vorbereitungen für die Bildung einer "Kriegsreserve", die gedankliche Beschäftigung mit der Formierung einer Landwehr und eines Landsturms für den kommenden Volkskrieg. Gerade die letzte Idee, die im Grunde jeglicher herkömmlichen Rechts- und Staatsvorstellung in Preußen zuwiderlief, weckte das Mißtrauen des rückständigen königlichen Hofstaates wie aller entschiedenen Reaktionäre in der Verwaltung, im Adel und in der Armee. Die Volksbewaffnung konnte auch dazu führen, daß das Volk die Waffen gegen Widersacher im Inneren kehrte! Die schwere Krise der Landwirtschaft nach den unglücklichen Jahren von 1806/07, die sich in den Provinzen verzögernde Durchführung der Bauernbefreiung und der Regulierung der gutsherrlich-bäuerlichen Beziehungen brachte Unruhe genug. Hier, in diesen Plänen des Volkskrieges, lag die stärkste Wurzel für das Mißtrauen bei Hofe gegen Männer wie Scharnhorst und Gneisenau. Es war beileibe nicht so, daß die Reformer in der Überzahl, oder daß ihre Bestrebungen von der Mehrzahl des Volkes in deutlicher Stellung gegen den Adel getragen worden wären. Gneisenau war oft tief verzweifelt über die Gleichgültigkeit der breiten Schichten gegenüber dem Schicksal des Staates. Scharnhorst, dem von Natur eine gewisse herbe, schwermütige Verschlossenheit, Erbteil des Niedersachsentums, eignete, verbarg manche Bitternis und Enttäuschung in der eigenen Brust.

Es war auch nicht so, daß die Begeisterung für den Waffendienst sich rasch im Bürgertum verbreitete. Allzulange hatte dem Bürger, dem Gelehrten, dem Handeltreibenden, dem Fabrikanten in den westlichen Landstrichen Preußens der Soldat, der sich anwerben ließ, für verächtlich oder für das bedauernswerte Opfer der verruchten Künste der Werbeoffiziere gegolten. Nur langsam griff jetzt die Erkenntnis um sich, daß auch der einfache Mann beim Militär ein Mann von Ehre geworden

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war. Und noch langsamer reifte die Einsicht, daß der Offizier nicht mehr jener hochfahrende Verächter der Bildung und der Kunst des Lesens und Schreibens war, als den sich viele altpreußische Offiziere immer gern, manchmal entgegen ihren eigenen besseren Kenntnissen, gegeben hatten. Aber da der Geist der Reform, das Ideal des in einem höheren Sinne politischen Offiziers, der sich nicht nur im Einklang mit den geistigen Strömungen der Zeit befand, sondern auch selbst führend auf deren Gestaltung Einfluß nahm in der Zeit nach den Freiheitskriegen wieder erlahmte, riß der alte Zwiespalt zwischen Militärstand und Bildungswelt wieder auf, zum Schaden unserer ganzen ferneren Entwicklung.

Entscheidend für die Durchführung der Reform war die organisatorische Neugestaltung der Spitzengliederung. Das ganze, so gewitterschwüle, von unsicherer Hoffnung und dunkler Enttäuschung gekennzeichnete Jahr 1808 hindurch, das schon die Entlassung des bedeutendsten der politischen Reformer, Steins, brachte, ging der Kampf um diese Frage. Stein hatte schon vor der Katastrophe die Schaffung regelrechter Fachministerien gefordert, deren Chefs gemeinsam beraten und deren jeder dem König für seine Tätigkeit verantwortlich sein sollte. Zu diesem Gesamtministerium mußte auch ein Kriegsministerium anstelle des alten schwerfälligen Oberkriegskollegiums gehören, einer Verwaltungs- behörde mit vielerlei sehr ungeordneten und unklaren Kompetenzen, mußte dann auch -eine Vorstellung Scharnhorsts -ein übergeordneter, verantwortlicher Generalstab gehören. Das alte Militär-Kabinett des Königs, bislang neben dem Oberkriegskollegium, ja oft über dessen Haupt hinweg die maßgebliche Instanz für den Entscheid in Verwaltungs-, Ersatz- und Führungsfragen, mußte verschwinden.

Im Zuge der Verwaltungsreformen wurde 1808 beschlossen, ein Kriegsministerium mit zwei großen Hauptabteilungen, dem "Allgemeinen Kriegsdepartement" und dem "Militär-Ökonomie-Departement" zu errichten, die Führung und Versorgung des Heeres regeln sollten. Im Kriegsdepartement wurden drei "Divisionen" geschaffen. Die 1. Division übernahm die bisher vom Militärkabinett verwalteten Angelegenheiten, vor allem die Personalverhältnisse der Offiziere, die 2. Division, deren Leitung sich Scharnhorst selbst vorbehielt, verkörperte den "Generalstab", die 3. Division bearbeitete die Waffen-Inspektionen und Rüstungsfragen. Mit dem 25. Dezember 1808 wurde der Generalmajor v. Scharnhorst zum Chef des Allgemeinen Kriegsdepartements und gleichzeitig zum Chef des Ingenieur- und Pionierkorps und zum Generalinspekteur der Festungen ernannt. Die letztere Stellung hatte bislang

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Gneisenau innegehabt, der nun zum Direktor der 3. Division ernannt wurde, während Major v. Grolman die 1. Division erhielt. Damit lagen die leitenden Posten des neuen Departements in der Hand der Reformer. Unter Scharnhorst unmittelbar arbeiteten Clausewitz und Boyen. In sehr strenger Form war in dieser Geburtsstunde des preußischen Kriegsministeriums wie des modernen preußischen Generalstabes der letztere, der einmal eine unabhängige Stellung erlangen sollte, voll- kommen verfassungsmäßig in den Apparat des Ministeriums eingegliedert.

Aber -wiederum bezeichnend für die laue, halbherzige Art des Königs : Scharnhorst war nicht Kriegsminister geworden. Ein solcher wurde formell einstweilen nicht ernannt, und Chef des Militär-Ökonomie- Departements wurde Scharnhorsts Gegner, der Generaladjutant Graf v. Wylich u. Lottum. Scharnhorst verbarg seine tiefe Enttäuschung keineswegs. Schon 1809, als Österreich erneut zu den Waffen gegen Napoleon griff, schieden zwei der stärksten Persönlichkeiten unter den Reformern aus dem militärischen Dienst. Gneisenau begab sich in geheime( diplomatischer Mission ins Ausland. Grolman ging nach Spanien, um im spanischen Freiheitsheer die Führung eines Fremdenbataillons zu übernehmen.

Hätte Scharnhorst sich von dem gleichen Ungestüm und der gleichen Ungeduld leiten lassen, so wäre es vermutlich schlecht um die Reform bestellt gewesen. Er empfand sehr wohl, daß wenigstens einer, aller persönlichen Unbill und Zurücksetzung zum Trotz, an dem Platz ausharren mußte, auf den er gestellt war.

Als inoffizieller Kriegsminister organisierte Scharnhorst in den anderthalb Jahren seiner neuen Tätigkeit den Generalstab neu, ein Plan, an dem er schon vor der Katastrophe von 1806 und hernach in den Jahren 1807/08 gearbeitet hatte. Damit wurde er zum Schöpfer des preußischen Generalstabes, dem Modell für die Führongsorganisation in vielen anderen Ländern Europas einschließlich Rußlands -unstreitbar eine der größten Leistungen seines Lebens.

Im alten Hannover wie in Preußen hatte Scharnhorst den herkömmlichen Generalquartiermeisterstab kennengelernt, ein in sich abgeschlossenes Korps technischer Hilfsoffiziere ohne lebendige Wechselwirkung mit der Truppe, ohne entscheidenden Einfluß auf den Gang der Operationen. Wenn irgendwo, so herrschte hier die Herrschaft der "mechanischen Köpfe", gegen die sich Scharnhorst schon immer gewandt hatte.

Bislang war der Krieg, war die Kriegführung nicht in erster Linie eine

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Angelegenheit wissenschaftlicher Kenntnisse gewesen, sondern der kämpferischen Qualitäten. Wer als Offizier den Säbel herzhaft zu handhaben wußte, der bedurfte nicht mehr der Feder. Scharnhorst, am Beginn eines neuen Zeitalters stehend, wünschte jetzt den Typus des wissenschaftlich hochgebildeten Offiziers durchzusetzen. Im Generalstab sollte sich in stetem Austausch mit der Truppe die wissenschaftliche Elite des Heeres sammeln, eine Schule, durch die möglichst jeder General hindurchgehen sollte.

Vor dem Jahre 1806 hatte sich auch Scharnhorst der Hoffnung hingegeben, wissenschaftlich und soldatisch hochqualifizierte Generalquartiermeisterstabsoffiziere könnten allein kraft ihrer Qualitäten untüchtigen Oberfeldherrn maßgebende Berater sein und schwachen oder unfähigen Naturen Kraft vermitteln. Diese Hoffnung hatte getrogen. Ein in veralteten Vorstellungen lebender Armeeführer wie der Herzog von Braunschweig hatte gar nicht gewußt, wozu er eigentlich einen "Federfuchser" wie Scharnhorst verwenden sollte. Blücher indes -ein Naturgenie -hatte gleich erkannt, wozu der gelehrte Offizier, den ihm der Zufall als Berater zuspielte, gut sein konnte.

Aus diesen Erfahrungen zogen Scharnhorst und seine Mitarbeiter die Lehre, daß es gut sei, wenn alle künftigen Generale durch die Schule des Generalstabs hindurchgingen und wenn die Generalstabsoffiziere, die jetzt den neuen Brigaden, den ständigen gemischten Verbänden des preußischen Heeres, wie dem Stab des Oberkommandierenden im Frieden wie im Kriege zugeteilt wurden, das Recht zur Mitverantwortlichkeit erhielten. Mitverantwortlichkeit für die Entschlüsse der Führung und der eigene Dienstweg des Generalstabes, der den einzelnen Offizier mit dem Chef verband, beides Dinge, die Gneisenau als Nachfolger Scharnhorsts stark ausbaute, sollten künftig das Fundament der Stellung des Generalstabes in der Armee bilden, bis hinein in die Tage Adolf Hitlers. Das wichtigste Prinzip aber war Scharnhorsts Lehre, daß sich der Dienst des Generalstabsoffiziers in stetem Wechsel zwischen Stabsarbeit und praktischem Dienst bei der Truppe zu vollziehen habe, damit nicht eine neue Kaste von Offiziersgelehrten entstand, die dem Leben der Truppe, dem praktischen Dienst entfremdet wurde.

Mehrmals verwies Scharnhorst auf das französische Beispiel, wo seit 1793 die Stäbe in der Armee das geworden seien, was die Regierungen für den Staat bedeuteten. Das Beispiel traf nicht ganz mehr, seit Napoleon kraft seines Genies wieder eine sehr selbstherrliche Führung eingeführt hatte. Hier war der Generalstabsoffizier wieder zum Handlanger,

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zum "Führergehilfen" geworden. Gerade die Idee der Mitverantwortlichkeit, die Idee, daß der Generalstab nicht nur die Planungsstelle für sämtliche möglichen Operationspläne bei kriegerischen Verwicklungen sein müsse, sondern die große Geistesschule der Armee, entsprach auf wunderbare Weise -gleich wie sich immer das Instrument später entwickelte- dem Geist des ganzen Reformzeitalters, der Überzeugung, daß echter Gehorsam nur in Freiheit walten kann und daß die Führung von Menschen im Krieg die höchste sittliche Verantwortung birgt. In solchem Geiste wuchs der Chef des Generalstabes auch hinein in die Rolle des vornehmsten militärischen Beraters des Königs. Das Jahr 1809 mit dem vergeblichen Kampf Österreichs, mit der vergeblichen Auflehnung einzelner patriotischer Anführer, Schills mit seinem Husarenregiment in Preußen, oder des "Schwarzen Herzogs" Friedrich-Wilhelm von Braunschweig-Öls, verlosch. Preußen konnte nicht handeln, wenn Rußland neutral blieb. Noch war die Zeit nicht reif. Aber in der Schlacht von Aspern, der ersten der großen Schlachten des österreichisch-französischen Krieges, gebot der österreichische Feldherr Erzherzog Karl - eine Scharnhorst an Genie und Reformwillen verwandte Erscheinung - wiederum erfolgreich Napoleon Einhalt. Andererseits beleuchtete es die tragische Zerrissenheit Deutschlands, daß ein Bruder Scharnhorsts als hessischer Offizier im Heer des Eroberers bei diesem Feldzug den Tod fand, während ein Bruder von Friedrich August Ludwig v. d. Marwitz, dem entschiedensten Verfechter altständischer Adelsherrschaft in Preußen, im österreichischen Heer gegen den gleichen Eroberer fiel, und Scharnhorsts ältester Sohn damals in die aus hannoverschen Truppen gebildete Deutsche Legion im englischen Heer in Spanien eintrat, um gegen die Franzosen zu kämpfen.

Österreichs erneute Niederlage schwächte auch die Position der preußischen Reform- und Patrioten-Partei. Schon lebte der Reichsfreiherr vom Stein im Exil in Prag, wohin er nach seinem Sturz vor den Häschern Napoleons ausgewichen war. Die Rüstungs- und Organisationstätigkeit Scharnhorsts war Napoleon nicht verborgen geblieben. Durch den steten, von England lebhaft unterstützten Widerstand Spaniens mißtrauisch geworden, erzwang er im März des Jahres 1810 Scharnhorsts Entlassung als Direktor des Allgemeinen Kriegs-Departements. Unter Beibehaltung der Führung des Generalstabes ernannte der König Scharnhorst offiziell zum Chef des Ingenieurkorps und Inspekteur der Festungen. Sein Nachfolger im Kriegsdepartement wurde der Oberst Karl v. Hake, 1809 als Ersatz für Grolman Leiter der 1. Division im Departe-

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ment, seit Februar 1810 Chef des Militär-Ökonomie-Departements. Durch einen Geheimbefehl wurde er verpflichtet, bei allen entscheidenden Maßnahmen Scharnhorst zu befragen und dessen Urteil zu berücksichtigen, entschieden eine Aufgabe, bei der Oberst v. Hake es eigentlich niemandem recht machen konnte, zumal er ursprünglich nicht vom Segen der Reform überzeugt gewesen war.

In der ersten Erbitterung über seine Entlassung äußerte Scharnhorst damals gegenüber dem König, die Verfolgungssucht der französisch gesonnenen Preußen werde wahrscheinlich erst dann aufhören, wenn diese sich selbst an die Spitze aller Behörden gesetzt hätten. Er wähnte, Verdächtigungen seiner innerpolitischen Gegner hätten seine Entfernung aus dem Kriegsdepartement zur Folge gehabt. Tatsächlich ging diese auf die Einwirkung Napoleons zurück.

Im gleichen Jahr übernahm Hardenberg als Staatskanzler die Leitung der preußischen Politik. Die Reform erhielt andere Züge, ihr Schwergewicht verlagerte sich zunächst durch die Hardenbergische Steuer- und Finanzreform und das Edikt über die Regelung der gutsherrlich-bäuerlichen Beziehungen auf dem Lande auf den wirtschaftlichen und sozialen Sektor.

Damit wurden die im Scharnhorstschen Geist geschulten reformerischen Offiziere in der Armee, in deren Bildungsstreben sich ein für den preußischen Staat revolutionierendes Element verkörperte, die Fackelträger des Fortschrittes nicht nur im militärischen, sondern in einem wirklichen politischen Sinne. In ihnen äußerte sich noch die Überzeugung, daß der Kampf für die äußere Freiheit zugleich ein Kampf für die innere Freiheit , sein mußte.

Scharnhorsts Weg wurde schwerer und bitterer. Über den letzten Lebensjahren standen die melancholischen Schatten der tiefen Neigung, die den alternden Mann, der die Lebenswende schon überschritten hatte, für die Erzieherin seiner Enkelkinder, Friederike Hensel, erfaßt hatte. Clausewitz, der gleich dem Grafen Friedrich Dohna gemäß dem Wunsch des Königs als Mitarbeiter in der Umgebung Scharnhorsts blieb, hat in seiner Studie über Leben und Charakter seines über alles verehrten Mentors darauf hingewiesen, wie sehr dieser als Hannoveraner eigentlich ein Fremdling in der preußischen Welt war und blieb, ein Mann ohne Familienverbindungen, ohne engere Fühlung mit der vornehmen Welt, dem innersten Wesen nach sowohl dem Monarchen wie dem neuen Staatskanzler, dem frivolen Grandseigneur alten Stiles, ganz fremdartig erscheinend. Nur verstand Scharnhorst es besser als der zornmütige,

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manchmal peinlich schroffe Stein, dem König durch beharrliche, auf geschichtliche Beispiele sich stützende Beweisführung mit seltener Ausdauer seine Ideen nahe zu bringen. Mochte der gehemmte, im Grunde schüchterne König zehnmal in seiner abgehackten Art bemerken: "Mir vom Halse damit bleiben. ..Schon hundertmal gesagt". Scharnhorst konnte warten, konnte seine innere Ungeduld wenigstens nach außen verbergen und brachte dann seine Ideen zum hundert und ersten Male vor. Dem König ging es einzig um die Erhaltung der Dynastie, für ihn die Verkörperung des preußischen Staates. Scharnhorst ging es um die Stunde, die günstig für die Erhebung war. Aber beide, Monarch und heimlicher Kriegsminister, waren sich darin einig, daß Übereilung alles aufs Spiel setzen konnte, was erreicht war und was man noch hatte bewahren können.

Und die große Stunde kam eher, als Scharnhorst vielleicht ursprünglich zu hoffen gewagt hatte. Napoleon rüstete zum Krieg gegen Rußland, als sich das Zarenreich nicht an der Abschnürung Englands vom Kontinent beteiligen wollte. Europa wurde aufgeboten zum Zug in die östlichen Steppen. Napoleon forderte auch die Mitwirkung Preußens am Marsch nach Moskau. 1811 ging Scharnhorst in geheimer Mission nach Petersburg an den Zarenhof, um die russischen Ansichten zu klären. Seit den Tagen des Bündnisses von 1806 war die preußisch-russische Freundschaft traditionell geworden. Kaiser Alexander von Rußland ließ eine Erneuerung des Bündnisses anbieten. Scharnhorst empfahl abzuschließen. Der König und Hardenberg glaubten indes, sich nur dann mit Rußland einlassen zu können, wenn Österreich an ihre Seite trat. Im Dezember 1811 verhandelte Scharnhorst auch in Wien mit dem Staatskanzler Fürst Metternich, der weder der Kraft Rußlands noch derjenigen Preußens

raute und ersteres nicht stärken mochte. In tiefer Niedergeschlagenheit kehrte Scharnhorst zurück.

Preußen blieb nichts anderes, als das Zwangsbündnis mit Napoleon einzugehen, nachdem auch Österreich sich bereitfand, ein Hilfskorps zu stellen. Nunmehr bat Scharnhorst, ihn vom Dienst als Chef des Generalstabes zu entbinden. Mit ihm verließen zahlreiche preußische Offiziere den Dienst und gingen nach Rußland, voran Clausewitz und Boyen. Scharnhorst behielt nur die Oberaufsicht über die Kriegsschulen, die Festungen und die Waffenherstellung. Gleich manchen anderen preußischen Patrioten nahm er Aufenthalt in Breslau. Sein Nachfolger in der Leitung der 2. Division wurde einer seiner Mitarbeiter und Schüler, Oberstleutnant v. Rauch.

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1812 marschierte mit der napoleonischen Riesenarmee auch ein preußisches Hilfskorps nach Rußland, dessen Befehl infolge Erkrankung des ursprünglichen Kommandeurs der General v. Yorck erhielt, der grimmigste der Altpreußen und zugleich im Grunde seines Herzens einer der grimmigsten Franzosenfeinde in der preußischen Armee. Als Napoleons Stern sich in den Schnee- und Eiswüsten Rußlands zum Fall neigte und die stolze "Grande Armee" geschlagen durch Rußland zurückflutete, war es der auf dem Nordflügel in Litauen stehende Yorck, der auf eigenen Entschluß sein Korps in einer Übereinkunft mit dem gegenüber kommandirenden russischen General v. Diebitsch für neutral erklärte, um seinem König die Möglichkeit zu geben, sich von dem alten erzwungenen Bündnis zu lösen. Stabschef Diebitschs Vermittler der Übereinkunft war Scharnhorsts Lieblingsschüler Carl v. Clausewitz.

Yorcks berühmte Konvention von Tauroggen am 30. Dezember 1812 bildete das Fanal für die Erhebung .Preußens. Nach schwerem inneren Ringen verschloß slch auch der König der Gunst der Stunde nicht mehr- Scharnhorst wurde zum Leiter der Rüstungskommission ernannt und dann zum Generalleutnant und Generalquartiermeister der preußischen Armee. Erneut ging er als preußischer Unterhändler in das Hauptquartier des Zaren nach Kalisch, um das schon 1811 von ihm befürwortete Bündnis abzuschließen. Er selbst empfahl wärmstens die Ernennung Blüchers zum Oberbefehlshaber der Schlesischen Armee, die gemeinsam mit den russischen Truppen den Hauptfeldzug gegen Napoleon führen sollte, als empfände er selbst, daß er, der militärische Gelehrte, besser zum Generalstabschef denn zum leidenschaftlichen, mitreißenden, den Geist der Truppe belebenden Oberfeldherrn paßte. Blücher als Oberbefehlshaber, Scharnhorst als Stabschef und Gneisenau als dessen Erster Generalstabsoffizier ergaben ein geradezu ideales Dreigespann, bei der das kluge Kalkül der verantwortlichen Generalstäbler der natürlichen Führungskunst Blüchers die richtigen Wege wies.

Viel von dem, was Scharnhorst vorbereitet hatte, die Wehrpflicht, die Bildung von Reserven durch das Krümpersystem, die Pläne für die Errichtung von Jägerdetachments als der Eliteeinheit des gebildeten und wohlhabenden Bürgertumes, die Formierung einer Landwehr als breiter Heeresreserve, fand jetzt Erfüllung. Die Verordnung über die Schaffung der Landwehr vom 17. März 1813 war zum größten Teile sein geistiges Werk. Scharnhorst als Blüchers Generalstabschef entwarf auch den großartigen Aufmarschplan für den preußisch-russischen Frühjahrsfeldzug, der eine

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Offensive nach Westen mit einem Vorstoß in die tiefe Flanke Napoleons, den Raum zwischen Eisenach und Frankfurt, vorsah. Solche Pläne erschienen den russischen Generalen freilich zu kühn, sie fanden auch nicht den Beifall der methodischeren Kopfe im preußischen Königlichen Hauptquartier. Aber Scharnhorst blieb die Seele der Kriegführung.

Die Preußen und Russen stießen von Schlesien nach Sachsen vor. Am 2. Mai des Jahres 1813 kam es unweit des historischen Schlachtfeldes von Lützen wo der Schwedenkönig Gustav Adolf den Tod gefunden, bei Groß-Görschen zur ersten Schlacht. Auf der feindlichen Seite befehligte der schlachtgewaltige Kaiser selbst, auf preußisch-russischer Seite mangelte es an genügender Koordinierung der Befehlsverhältnisse. In Angriff und Gegenangriff wogte die Schlacht den ganzen Tag hin und her. Die preußischen Truppen brannten darauf, zu zeigen, was sie in der neuen Schule gelernt hatten. Während der alte Blücher auch an diesem Tag seine gewohnte Ruhe wahrte, obwohl er schließlich selbst die Infanterie ins Feuer führte und von mehreren Kugeln gestreift wurde- erfüllte Scharnhorst eine verzehrende Unruhe. Er suchte sich gleichsam zu vervielfältigen und eilte hierhin und dorthin. Sein Werk sollte heute die Bewährungsprobe bestehen. Und es bestand sie auch. Die Schlacht aber ging verloren, als der Kaiser Verstärkungen heranzog. Am späten Nachmittag griff die französische Kaisergarde an. Scharnhorst selbst versuchte die preußische Infanterie wieder vorzureißen, während die Führung der Schlacht mehr und mehr der Hand des höchsten verantwortlichen Befehlshabers, des russischen Generals Graf Wittgenstein, entglitt. Bei diesem Versuch wurde Scharnhorst nicht unerheblich am Fuß verwundet.

Scharnhorst mochte sich anfangs nicht schonen. Die zweite Schlacht vom 20. und 21. Mai 1813 bei Bautzen erbrachte wieder keinen Erfolg. Abermals behauptete der Kaiser, wenn auch unter furchtbaren Verlusten, das Schlachtfeld. Dem preußischen König und dem russischen Kaiser wie Napoleon selbst schien die Stunde für eine Kampfpause gekommen. Beide Parteien -was freilich die Soldaten und nicht zuletzt Scharnhorst und Gneisenau -lebhaft bestritten, brauchten Zeit für die Vervollständigung ihrer Rüstungen, Napoleon freilich dringlicher als die Verbündeten. Noch zögerte zudem Österreich, ob es sich der Koalition gegen Napoleon anschließen solle.

Scharnhorst hatte 1811 die Verhandlungen in Petersburg und Wien geführt, er hatte im Februar das Bündnis zwischen Preußen und Rußland zu Kalisch im Hauptquartier des Zaren vermittelt. Daher hatte er sich

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bereit erklärt, nach der Schlacht bei Groß-Görschen persönlich den Versuch zu machen, die Österreicher zum Anschluß an die Koalition zu bewegen. Aber die Wunde verschlimmerte sich, da Wundbrand hinzutrat. Schwere Fieberanfälle hinderten ihn mehrfach, die Reise nach Wien fortzusetzen. Erst am 31. Mai 1813 erreichte er Prag, bereits ein schwerkranker Mann. Er unterhandelte mehrfach mit österreichischen Generalen und fand viel Verständnis. Aber die Entscheidung über die Verhandlungen lag in der Hand des Staatskanzlers Metternich, und diesen sprach Scharnhorst nicht mehr. Immerhin erfuhr er, daß sich die Verhandlungen über den Anschluß Österreichs an die Verbündeten nicht ungünstig gestalteten. Am 18. Juni 1813 schrieb er seiner Tochter in dem letzten Brief, den er je an sie richtete, er brenne darauf, beim Wiederausbruch der Feindseligkeiten bei der Armee zu sein, und werde dazu alle Mittel anwenden. Zwei Tage darauf verschlechterte sich sein Zustand infolge einer allgemeinen Sepsis. und am 28. Juni schloß er in Prag seine Augen für immer. Am Tag zuvor hatte Östereich den Vertrag von Reichenbach unterzeichnet, in dem es sich bereit erklärte, dem Bündnis gegen Napoleon beizutreten.

Gneisenau, der Scharnhorsts Stellung als Generalstabschef bei Blücher einnahm und doch sehr wohl selbst wußte, daß er den großen Freund und Lehrmeister nicht voll ersetzen konnte, errichtete ihm mit einem 'Nachruf in den Berliner und Breslauer Zeitungen ein Denkmal, das besser als viele Worte noch einmal die Bedeutung des Dahingeschiedenen kennzeichnet :

"Am 28. Juni starb zu Frag an den Folgen seiner in der Schlacht bei Groß-Görschen erhaltenen Wunde der kgl. preußische Generalleutnant v. Scharnhorst. Er war einer der ausgezeichnetsten Männer unserer Zeit.Das rastlose, stetige, planvolle Wirken nach einem Ziel, die Klarheit und Festigkeit des Verstandes, die umfassende Größe der Ansichten, die Freiheit von Vorurteilen des Herkommens, die stolze Gleichgültigkeit gegen äußerliche Auszeichnungen, der Mut. in den unscheinbarsten Verhältnissen mit den schlichtesten Mitteln durch die bloße Stärke des Geistes den größten Zwecken nachzustreben, jugendlicher Unternehmungsgeist, die höchste Besonnenheit, Mut und Ausdauer in der Gefahr endlich die umfassendste Kenntnis des Kriegswesens machen ihn zu einem der merkwürdigsten Staatsmänner und Soldaten, auf welche Deutschland je stolz sein durfte. Billig und gerecht im Urteil, sanft und ruhig in allen Verhältnissen, mit anderen freundlich, herzlich im ganzen Lebensumgange, zart und edel in der Empfindungsweise, war er einer der

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liebenswürdigsten Menschen, die den Kreis des geselligen Lebens zieren. Was er dem Staate gewesen ist und dem Volk und der ganzen deutschen Nation, mögen wenige oder viele erkennen, aber es wäre unwürdig, wenn einer davon gleichgültig bliebe bei dem traurigen Todesfall ..."

Nicht zufällig war es Gneisenau, der unterstrich, wie sehr der gebürtige Hannoveraner, der niedersächsische Bauernsohn, der den preußischen Staat und die preußische Armee als Heimat und Wirkungskreis gewählt hatte, durch sein Denken und Tun doch hinaus gewachsen war über alle Grenzen der deutschen Stämme und Einzelstaaten, ohne daß er darum je Geist und Wesen der Heimat verleugnet hätte.

Scharnhorst hat mit seinen Schöpfungen, der allgemeinen Wehrpflicht, dem Kriegsministerium und dem Generalstab, den Geist der deutschen Wehrverfassung bis zum Jahre 1945 geprägt, ohne daß je wieder eine durchgreifende Reform erfolgte noch sich ein genialer Reformator anbot. Der plötzliche Tod hat Scharnhorst gehindert, die Vollendung seines Werkes zu erleben, die Führung des Freiheitskampfes zu leiten und für die Verwirklichung der inneren Freiheit zu wirken. Vielleicht blieben ihm damit schwere Enttäuschungen erspart, vielleicht hätte auch ein Mann von seiner zähen, beharrlichen und nüchtern bedachtsamen Art nach den Freiheitskriegen den Monarchen besser in seinen Entschlüssen beeinflussen können, als dies dem neuen Generalstabschef Gneisenau oder Boyen als Kriegsminister gegeben war. Er war und blieb der Wegbereiter. Die philosophischen Thesen eines Clausewitz, seines engsten Mitarbeiters, daß Recht und Moral, daß die Politik dem Krieg als schrecklichstem Mittel menschlicher Auseinandersetzung auf Erden Grenzen setzen und ihn bändigen müsse: Scharnhorst hat sie bereits vorgelebt in der Gegnerschaft zum rein machtpolitisch bestimmten Kriegsideal eines Napoleon, der letzten Endes nicht der französischen Nation , und damit dem französischen Staat diente, sondern ein Knecht der ihm innewohnenden, fürchterlichen, persönlichen Dynamik war.

Der Wert historischer. Vorbilder, die Bedeutung großer geschichtlicher Gestalten liegt für die Nachwelt nicht darin, daß man sie sklavisch nachahmt oder als Modell für die eigenen Entscheidungen in gewandelter Zeit nimmt, sondern daß man sich müht, den Sinn ihres Denkens und Handelns, das zeitgebunden bleibt, zu erfassen und auf die Zukunft anzuwenden. Unter diesem Blickwinkel bleibt Scharnhorst, der in der preußisch-deutschen Geschichte ein veraltetes Zeitideal überwand, der zum ersten Mal die menschlichen Werte der Bildung, der individuellen

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Persönlichkeitsrechte, der sittlichen Freiheit des Menschen schlechthin mit dem strengen und stolzen Gesetz des Gehorsams zu vereinen wußte, ohne den keine Armee der Welt jetzt und immerdar bestehen kann, Vorbild für alle Generationen in der Gegenwart und in der Zukunft.
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Quellenhinweise

Andreas, W. :
Das Zeitalter Napoleons und die Erhebung der Völker, Heidelberg 1955.

Görlitz, W.:
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Stein, Staatsmann und Reformator, Frankfurt 1949.
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Scharnhorsts Vermächtnis, Bonn 1952.

Lehmann, M. :
Scharnhorst Bd. 1-2, Leipzig 1886/87.

v.Priesdorff ,K. :
Soldatisches Führerturn, Bd. 1-5, Hamburg 1935 ff.

Ritter, G. :
Stein, eine politische Biographie Bd. 1-2, Stuttgart-Berlin 1931.
Staatskunst und Kriegshandwerk, Bd. 1, München 1954.

Scharnhorsts Briefe, Bd. I: Privatbriefe, hg. von Karl Linnebach, München 1914.

Stadelmann,R.:
Scharnhorst, Schicksal und geistige Welt, 1952.

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Stammfolge Scharnhorst aus Bordenau in Hannover. Deutsches Geschlechterbuch 30 (1918) S. 233-253.

Aus der Fülle der Literatur über Scharnhorst sind hier nur diejenigen älteren und neueren Arbeiten angeführt, die für die Behandlung Scharnhorsts und seiner Zeit grundlegende Bedeutung erlangt haben und auf die sich die vorliegende Studie daher in besonderem Maße stützt.

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